Gold, Silber und Bronze – drei Medaillen brachte Wolfgang Sacher 2008 von Paralympics mit nach Hause. Damit war er in Peking erfolgreichster deutscher Handicap-Radsportler. Mit nur einem Arm sorgt der Oberbayer allerdings nicht nur im Feld der Behinderten für Furore – mit seinen Leistungen ist er auch in der Lage ist, gesunde Sportler lässig abzuhängen. Wir haben Sachers Werdegang unter die Lupe genommen und herausgefunden wie er das Radfahren trotz Handicap bewerkstelligt.
Mit dem Radsport kam Sacher zum ersten Mal 1996 in Berührung: „Ein Arzt riet mir zu mehr Bewegung“, erzählt er. „Zum Radfahren kam ich, weil es im Prinzip die einzige Sportart ist, die ich mit meinen Behinderungen schmerzfrei ausüben kann. Laufen kann ich mit meinen Füßen nicht und Schwimmen fällt wegen dem fehlenden Arm aus.“ Sein Bruder Mario, selbst ambitionierter Amateur, baute ihm schließlich ein Trekkingrad „einarmgerecht“ um: „Ich fuhr mit geradem Lenker und normalen Pedalen durch die Gegend. Sämtliche Schalt- und Bremshebel waren auf die rechte Seite montiert, so dass ich alles mit einer Hand bedienen konnte“, erklärt Sacher, der so 1997 auch seine erste Radtouristikfahrt bestritt. Er schaffte die 160 Kilometer.
Schnell fand der Penzberger Gefallen an seinem neuen Hobby. 1999 kaufte er sich schließlich sein erstes Rennrad. „Das war ein Diamond Back. Im Prinzip war es ähnlich konfiguriert wie mein Trekkingrad. Ich fuhr weiterhin mit geradem Lenker, nur statt Klickpedalen verwendete ich welche mit Haken. Ich hatte einfach Angst, bei einem Sturz nicht rechtzeitig reagieren zu können“, so Sacher, der mit zunehmender Jahreskilometeranzahl allerdings immer sicher wurde.
Ab 2001 startete er bei richtigen Radrennen. Bald montierte er auch einen richtigen Rennlenker auf sein Bike. Die Bremsen bediente er mit zwei Cyclocross-Hebeln in der Lenkermitte, die hinteren Ritzel über den normalen Schaltgriff, die vorderen über einen Zeitfahrschalthebel, der anstelle des Lenkerendstopfens in den Unterlenker integriert wurde. 2004 wichen schließlich die Hakenpedale richtigen „Klickies“. Dank gleicher Materialbedingungen und akribischem Training gehörte der „einarmige Bandit“, wie er in der Szene scherzhaft genannt wird, bald zu den stärksten Rennfahrern im Münchner Oberland. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte:
2004 wurde er dank zahlreicher Siege bei Hobbyrennen – wohlgemerkt gegen gesunde Konkurrenz – in den Kader des bayerischen Behindertensportverbands aufgenommen. Ab 2005 mischte er im Feld der Versehrten-Radsportler mit. Seitdem wurde er 13-mal Deutscher Meister, gewann dreimal den Europacup und holte insgesamt sechs Medaillen bei Weltmeisterschaften. 2006 durfte er sich sogar über den Titel im Straßenrennen freuen. Im vergangenen Herbst erreichte er mit dem Paralympics-Sieg in Peking und der Wahl zum Deutschen Behindertensportler des Jahres seinen vorläufigen Karriere-Höhepunkt. Dieses Jahr gewann er Silber bei den Bahn-Weltmeisterschaften. Mittlerweile verzichtet er beim Zeitfahren sogar auf die linke Seite seines Lenkers und schneidet sie komplett ab.
Dass Sacher sich auch vor namhafter gesunder Konkurrenz nicht verstecken muss, hat er in den letzen Jahren mehrfach bewiesen. Schon alleine seine Bestzeit auf der Bahn über 4.000 Meter (4:44 Minuten) zeigt, wie stark er ist. Immer wieder startet der Behindertensportler auch bei Amateurveranstaltungen und bringt die Zuschauer mit seinen Leistungen zum Staunen: 2005 wurde er Achter der Bayerischen Meisterschaften im Zeitfahren, 2008 sogar Vizemeister seines Landes. 2007 wie 2009 landete er bei der Jeantex Tour Transalp auf Platz 23 im Klassement. Und im August diesen Jahres gewann er mit der Albstadt-Rundfahrt ein begehrtes Jedermannrennen. „Ich mag es mich mit gesunden Sportlern zu messen. Ich kann so beweisen, dass auch wir Handicap-Athleten uns nicht verstecken zu brauchen“, sagt er. Dabei kämpft er in jedem Rennen allerdings auch mit den Nachteilen, die seine Behinderungen mit sich bringen. „In Abfahrten habe ich natürlich schon Schwierigkeiten. Da muss ich mit Hilfe der Oberschenkel mein Rad viel stärker stabilisieren und kann natürlich nicht den selben Speed fahren wie gesunde Sportler. Auch das Fahren in großen Fahrerfeldern ist für mich gewöhnungsbedürftig. Ich bin halt auf meiner linken Seite ungeschützt.“ Auch auf den am Berg und im Sprint wichtigen Wiegetritt muss er verzichten. „Meine dadurch fehlende Spritzigkeit versuche ich durch hohe Trittfrequenzen auszugleichen“, erklärt er.
Um möglichst hohe Stabilität auf seinem Rad zu erreichen arbeitet der Paralympics-Sieger fast täglich an seiner Rumpfmuskulatur. „Körperspannung ist für mich viel wichtiger als für andere“, so Sacher, für den es kein Problem ist, bei zehn Kilometer pro Stunde bergauf freihändig nach seiner Flasche zu greifen z und zu trinken.
Noch drei Jahre will er seinen Sport professionell ausüben – bis zu den Paralympics 2012 in London. „Da möchte ich unbedingt noch einmal eine Medaille für Deutschland gewinnen“, hofft er. Es sind drei Jahre, in denen er allerdings nicht nur im Behinderten-Radsport für Furore sorgen sondern auch den ein oder anderen Nichtbehinderten zur Verzweiflung bringen wird. Denn ein Arm weniger – das ist für Wolfgang Sacher kein Hindernis. Dass er ein Kämpfer ist, hat er nicht nur bei den Paralympics in Peking bewiesen. Dafür steht seine komplette Lebensgeschichte.
Fotos Werner Müller-Schell
Icons Pinvoke
Weiterführende Links
Wolfgang Sacher
Die Chronik einer Achterbahnfahrt: In seinem jüngst er...
Der Ötztaler Radmarathon gilt als sportlicher Höhepunkt für die besten...
Die Finanzen und Reisetätigkeiten des italienischen Arztes und Trainer...
Beim Procycling und Prostyle Cycle Camp No. 2 gehts dieses Mal nicht...
Sie träumen davon, Ihre Radsaison unter der Herbstsonne Andalusiens un...
Es sind noch wenige Plätze frei, wenn es Mitte Juni zum Cyclecamp von ...
Es gibt Produkte, denen bleibt ein Radprofi die ganze Karriere lang treu. ...
| < Zurück | Weiter > |
|---|





