Kennen Sie das auch? Über die Jahre werden Straßen- und Geländemarathons irgendwie langweilig, immer die gleichen Leute, die Strecke kennt man seit Jahren im Schlaf und obwohl die Form jedes Jahr besser wird, gibt es immer jemanden der noch schneller ist.
Das schreit nach einer ebenso großartigen wie vollkommen bescheuerten Idee...
Die Lösung spukt mir schon seit über zehn Jahren im Kopf herum und war bisher eher ein eher unerreichbares Ziel - da die Durchführung ein mehrjähriges und konstantes, wie konsequentes Training erfordert. Schwierig mit einem Job, bei dem geregelte Arbeitszeiten nahezu ausgeschlossen sind. Ganz nebenbei frisst dieser Plan auch einen gehörigen Batzen Geld - und wir sprechen hier vom Gegenwert zweier attraktiver PKK und ich meine damit nicht Modelle aus der Dacia Logan-Serie.
Das heere Fernziel heißt RAAM und bedeutet in etwa zehn Tage Zen-Buddhismus auf dem Rad. RAAM steht für Race Across America - ein Coast to Coast-Ausflug über die volle Breite der Vereinigten Staaten - Nonstop. Da bei einem solchen Megaevent natürlich nicht jeder starten kann, darf, sollte - sind einige "Vorbereitungsrennen" notwendig, die auf die mentalen und körperlichen Strapazen vorbereiten. Nicht zuletzt sieben die Boethling-Brothers als Veranstalter des RAAM auch gerne ordentlich aus, um nicht später die Hälfte der Fahrer von der Straße kratzen zu müssen.
Ich backe also zunächst etwas kleinere Brötchen (hier: Semmeln) und beschränke mich auf ein möglichst hartes 24-Stunden-Event. Da mir bereits zahlreiche 24h-Rennen als Team- und Einzelfahrer unter die Räder gekommen sind, muss etwas anderes her. Ein Vortragsabend von Langstrecken-Landstraßenpirat Rainer Popp am Vorabend des Amadé Radmarathon in Radstadt (Österreich) im Frühjahr 2008 hinterlässt Eindruck. Rainer berichtet von seinen Erlebnissen mit Partner Guus Moonen bei der Tour Ultime 2007. Vollkommen bescheuert: Tour de France am Stück zu zweit. Einer fährt, der andere ruht. Noch bekloppter ist die Idee von Guus - Rainer soll die Berge fahren, er abwärts. Danke Guus, wird Rainer gedacht haben, dem ist wohl die letzte Tüte im Coffee-Shop schlecht bekommen. Aber so ist's letztendlich tatsächlich gelaufen und genau so haben sie die Tour Ultime auch gewonnen. Respekt!
Etwa 30 Zuschauer verlassen an diesem Abend den Vortrag - kopfschüttelnd - armer Irrer! Zugegeben, wir auch - aber bei mir ist die Story hängengeblieben und ich weiß aus früheren Zeiten um den Reiz des "Flow", auch als "Runners High" bekannt.
In den 90er Jahren absolvierte ich eine ganze Reihe Marathons und Ultraläufe, bis das rechte Knie ein wenig mimosenhaft reagierte und der Wechsel auf das Mountainbike attraktiv erschien. Es folgten einige Jahre MTB-Rennen, dann auch Straßenrennen. Der Start in den Frühling 2007 endete an aussichtsreicher Position liegend bei der Abfahrt vom Turchino in Richtung Genua an der Motorhaube eines unglaublich dämlich platzierten 200er Benz, den ich mit 60 km/h in einer Kurve in Fahrtrichtung überflog und heute noch rätsle, wie man so etwas überlebt. Das damalige Look 585 wurde bei dieser Stunteinlage jedenfalls komplett zerstört. Dieses bereits zweite Kapitel der Amateur-Ausgabe von Mailand-San Remo endete also etwas zu früh und bescherte mir neben Armbruch und Gehirnerschütterung, Bänderrissen, gesprengten Gelenkskapseln und einem bunten Frühlingsstrauß an Prellungen auf dem ganzen Körper ein halbes Jahr Radsport-Abstinenz. Bis der Arm Vollzug in Sachen "komplette Widerherstellung und Schmerzfreiheit bei Belastung" vermeldet, zieht ein Jahr ins Land. Ein weiterer unverschuldeter Sturz beim Maratona dles Dolomites 2008 bringt einen Haarriss am gleichen Arm ein und fördert die Erkenntnis, dass die Zeit für Rennen mit etwas weniger Rangelei in engen Kehren gekommen ist.
Im September 2009 endet eine mäßige Saison mit der Idee nun endlich die Sache mit der ultimativen Langstrecke anzugehen. Gernot Weinig, Veranstalter des Race Across The Alps in Nauders (Tirol, A), zeigt sich sehr kooperativ und bietet mir einen der limitierten Startplätze an. Nur 60 Fahrer werden 2010 auf die Strecke gehen, wenn es zum zehnten Mal heißt, die Alpen beim RATA niederzuringen. Zugegeben, nach dem Telefonat mit Gernot geht die Pumpe deutlich schneller. Schließlich gehts hier nicht um den Pokal vom Ikea-Kinderland, sondern um 525 harte Kilometer über 12 Gipfel der ersten Kategorie - insgesamt etwa 13.000 Höhenmeter - bei Tag und Nacht. Bei den üblichen 24h-Events gibts meistens erstaunlich viel Publikum, man ist nie weit weg vom Zentrum der Veranstaltung.
Wie auch immer, die Entscheidung ist gefallen - am 25. Juni beginnt das Abenteuer und bis dahin ist viel zu tun. Darüber will ich in diesem Blog berichten, hoffe Sie leiden ein wenig mit und vielleicht bekommen Sie ja auch Spaß am Training.
Herzliche Grüße
Ingo Kruck
Autor Ingo Kruck
Fotos Ingo Kruck
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