
Fabian Cancellara dominierte die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix derart, dass er Opfer der unglaublichsten Anschuldigung der Saison wurde.
Als Tom Boonen und Fabian Cancellara in die Muur van Geraardsbergen hineinfuhren, den vorletzten Anstieg der Flandern-Rundfahrt, sah alles nach einem spannenden Zweikampf aus. Doch dann lancierte der Schweizer einen Angriff, der die vorangegangenen Kilometer, auf denen er und Boonen so ebenbürtig gewirkt hatten, wie eine Farce erscheinen ließ. Während Boonen schwerfällig aus dem Sattel ging und sein Rad hin und herwuchtete, glitt Cancellara die steile Rampe einfach nach oben. Man kann es nicht anders beschreiben: Während Boonen so aussah, als würde er durch Morast waten, schien Cancellara über die Wasseroberfläche zu gleiten. Die Ausrufe des Erstaunens an der von Zuschauern belagerten Muur waren bis in den Presseraum im Zielbereich zu hören.
Es war geschmeidig, es war elegant, und für Boonen und seine Anhänger war es verheerend. Seinem Spitznamen „Spartakus“ gerecht werdend, hatte Cancellara sein Schwert gezückt und es mit einer in ihrer Schnelligkeit fast unsichtbaren Bewegung in Boonens Brust gebohrt. Der Belgier wusste kaum, wie ihm geschah, und als er reagierte, war es zu spät: Spartakus war enteilt. Fünfundzwanzig Minuten später sahen wir Cancellara, als er freihändig über die Zielgerade fuhr. Einen Kilometer vor dem Ziel hatte er in seine Tasche gegriffen und einen goldenen Engel herausgeholt: ein -Geschenk von seiner Frau, die darauf bestanden hatte, dass er die Figur in seiner Trikottasche mitführen würde. „Da sind Energieriegel und Gels drin“, hatte Cancellara ihr gesagt. „Da ist kein Platz mehr.“ „Aber er ist doch so klein“, hatte sie nicht locker gelassen. „Zehn Kilometer vor dem Ziel“, sagte Cancellara später, „dachte ich, dass ich etwas tun müsste, um zu zeigen, dass ich ein guter Vater und Ehemann bin.“
Zehn Kilometer vor dem Ziel war er weniger darauf bedacht, den Belgischen Meister auf Distanz zu halten –Boonen verfolgte ihn immer noch mit aller Kraft –, als eine Geste zu planen, die ihm die Gunst des Cancellara-Haushalts einbringen würde. Die Show ging weiter, als Cancellara 50 Meter vor der Ziellinie in der gewaltigen Menge eine Schweizer Flagge entdeckte. Immer noch freihändig, fuhr er rechts rüber und schnappte sich die Fahne mit einer eleganten, flüssigen Bewegung. 25 Minuten später sahen wir ihn wieder, geduscht und mit einem makellosen Schweizer-Meister-Trikot bekleidet. In einem rustikalen und überfüllten Klassenzimmer in der flämischen Stadt Ninove strahlte Cancellara, noch frisch unter dem Eindruck seiner Heldentat, Star-Qualitäten aus.
Die Atmosphäre war so respektvoll, wie sie bei Pressekonferenz nur sein kann. Verschiedene Fahrer verlangen verschiedene Atmosphären. Bei Lance Armstrong ist es pures Theater, aber mit einem Hauch von Feindseligkeit. Hier gab es nichts davon. Einige Reporter saßen vielleicht sogar auf ihren Händen, um nicht zu applaudieren, als Cancellara hereinkam. „Es war nicht geplant“, sagte Cancellara über den Moment, als er Boonen exekutierte. „Ich drehte mich um, sah eine Lücke und habe das Tempo ein bisschen angezogen.“ Bei seinem Rennen sei nicht alles glatt gegangen, erklärte er. Einmal musste er sogar das Rad wechseln. „Das Glück war nicht auf meiner Seite“, sagte Cancellara. „Ich hatte das Problem mit dem Rad, aber ich bin ruhig geblieben, wirklich entspannt. Wenn du in einer solchen Form bist und den Siegeswillen hast, machst du manchmal Fehler, wenn es drauf ankommt.“ Aber heute nicht. „Meine Coolness war heute das Geheimnis“, verriet er.
„Zu gewinnen, auf der Muur zu attackieren und Tom Boonen, den König von Belgien, abzuschütteln – wenn ich einmal alt bin und den Leuten das erzähle ...“ Cancellara zuckte mit den Schultern. „Es war ein perfektes Szenario.“ Aber wenn sein Angriff auf der Muur nicht gesessen hätte, was dann? Cancellara zuckte wieder mit den Schultern und lächelte: „Dann hätte ich noch mal angegriffen!“
Die nächsten sieben Tagen nistete sich Cancellara im schicken Park Hotel in Kortrijk ein – Saxo Banks Stützpunkt für die Klassiker. Am Mittwoch reiste er nach Antwerpen, um den Halbklassiker Scheldeprijs zu bestreiten, fuhr aber den Großteil des Rennens am Ende des Feldes, ließ anderen Fahrern den Vortritt, ließ sich zum Mannschaftswagen zurückfallen und machte Witze. Er war entspannt, aber war er zu entspannt, um wieder loszulegen und vier Tage später bei Paris–Roubaix das Double perfekt zu machen? Nicht laut Bob Stapleton. „Cancellara ist der klare Favorit“, sagte der HTC-Columbia-Boss am Sonntagmorgen in Compiegne, als die Busse langsam das Stadtzentrum verstopften. „Er war bei der Flandern-Rundfahrt so viel besser als alle anderen, es ist erstaunlich.“
Aber was Cancellara auf dem Weg nach Roubaix zeigte, war noch erstaunlicher als seine Attacke auf der Muur. Okay, es hatte nicht die Schnelligkeit jenes gladiatorengleichen Gnadenstoßes, aber es bot ein kaum glaubliches Überraschungselement. Auf einem nichtssagenden Straßenstück zwischen zwei kritischen Kopfsteinpflasterabschnitten – dem Wald von Arenberg und Beuvry – und gerade als Boonen, der Titelverteidiger, am Ende der Spitzengruppe saß und sich aufrichtete, um seinen Rücken zu strecken, wehte Cancellara nach vorn, so leicht und harmlos wie ein Papiertaschentuch, das vom Wind getragen wird. Fast unmerklich hatte er sich abgesetzt. Eine kleine Lücke entstand zwischen seinem Hinterrad und der Gruppe, an deren Ende Boonen immer noch seinen Rücken dehnte. „Oooh-làlà!” warnte der Kommentator im holländischen Fernsehen, als er Cancellaras verstohlene Attacke bemerkte. „Tomtom, wir haben ein Problem!“
Déjà-vu. Bevor Boonen erkannte, was los war, hatte Cancellara Gas gegeben und war wie ein Motorrad zu den drei Ausreißern geschnurrt, die weiter vorne herumfuhren, war an ihnen vorbeigezogen und hatte sie aussehen lassen, als würden sie Stehversuche auf der Bahn machen. Das war, was viele von uns damals schrieben, ohne daran zu denken, was es bedeuten könnte, dass Cancellara „wie ein Motorrad“ zum Solo-Sieg fuhr. Roger Hammond, der britische Fahrer, der als Vierter ins Velodrom von Roubaix einfuhr, sprach für viele, als er später erklärte, er habe seine Strategie auf den Schweizer ausgerichtet. „Ich wollte Cancellaras Angriff heute zuvorkommen“, sagte Hammond. „Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass er es 50 Kilometer vor dem Ziel im Alleingang macht.“
Vier Tage nach Paris-Roubaix, elf Tage nach der Flandern-Rundfahrt braute sich ein Sturm zusammen. Wie die meisten Stürme nahm man ihn erst kaum wahr, aber in den nächsten Tagen wuchsen ihm Arme und Beine – man könnte fast sagen, er schien von einem Motor angetrieben zu sein. „Spartakus: die Zweifel von Anthony Roux“ lautete eine Überschrift, und in Le Républicain Lorrain äußerte der Fahrer von Française des Jeux einen unglaublichen Verdacht gegen den mehrfachen Zeitfahr-Weltmeister. „Im Peloton wird darüber geredet“, sagte Roux zu Gerüchten, Cancellara habe seine Leistung mit mechanischer Unterstützung erzielt. „Alle fanden ihn unglaublich, aber wir fragen uns, ob es echt ist oder nicht, und ob er einen Motor in seinem Rad hat.“ Einen was?
Roux zitierte einen anderen, nicht genannten französischen Fahrer, der gehört haben wollte, wie ein merkwürdiges Geräusch aus Cancellaras Rad drang. Es hieß auch, sein Umstieg auf ein anderes Rad bei der Flandern-Rundfahrt vor seiner Attacke auf der Muur könne verdächtig sein. Beachten Sie das Datum: nicht der 1. April, sondern der 15. Und so wurde eine der merkwürdigsten und bizarrsten Geschichten dieses Radsport-Jahres geboren, nämlich, dass etwas möglich sein könnte, was später „Motor-Doping“ genannt wurde.
Es war eine Geschichte, die das Maß an Paranoia verdeutlicht, das im Radsport herrscht – vor allem angesichts außergewöhnlicher Leistungen. Aber sie zeigte auch etwas anderes: Während Doping als moderne und ausgeklügelte Methode – eine Art Pharma-Wettrüsten – gilt, war die Vorstellung von „Motor-Doping“ eindeutig retro, ein Rückfall in vergangene Zeiten. Was kam als Nächstes? Dass die Fahrer Abkürzungen nehmen? Mit der Eisenbahn fahren? Heftzwecken auf die Straße streuen?
Davide Cassani, ein italienischer Exprofi, heizte die Debatte weiter an. In einem Youtube-Film über seinen Bericht für das italienische Fernsehen RAI wurden Cancellaras verdächtigte Handbewegungen, mit denen er angeblich seinen Motor einschaltete, analysiert. In dem Film fährt Cassani ein Rad mit einem Antrieb, der ins Sitzrohr eingebaut ist – mit erstaunlichen Resultaten. Der seltsame Film wurde rund 2,6 Millionen Mal angeklickt. Am 19. Mai – nach weiteren Geschichten über die Möglichkeit, dass man winzige Motoren in den Rahmen einbauen kann, die dem Fahrer 60 bis 100 Watt Zusatzleistung bringen – bestätigte die UCI, der Sache nachzugehen. Die Geschichte war einfach zu groß geworden, um ignoriert zu werden. Fahrrad-Scanner wurden vorgeschlagen.
Unterdessen blieb Cancellara ruhig. Beim Critérium du Dauphiné im Juni spielte sein Team auf die Affäre an, aber mit Humor. Die Absperrung um die Saxo-Bank-Teamräder trug ein Schild mit der Aufschrift „Nicht berühren. Gefahr tödlicher Stromschläge“.
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