
Es ist April 2002, und Lance Armstrong setzt sich mit einem Journalisten zusammen. Der Schreiber hat, wie viele vor ihm, den Auftrag bekommen, für eine der renommiertesten Zeitungen der USA, den New Yorker, den Armstrong-Nimbus zu durchdringen und einige Schichten davon abzukratzen. Weder Radsport im Speziellen noch Sport im Allgemeinen sind das tägliche Brot des Journalisten – und das merkt man.
Das mehrere Tausend Wörter umfassende Oeuvre, das daraus resultiert, wird kein Profil, sondern ein Loblied mit einem Refrain, der ungefähr so vertraut und patriotisch klingt wie ein Vers der amerikanischen Nationalhymne.
Nicht dass wir Michael Specter das übel nehmen würden. Zu jenem Zeitpunkt nicht an das große Lance-Märchen zu glauben, hätte einen mutigen, fachkundigen und – man könnte sagen – zynischen Mann erfordert. Oder Greg LeMond. Oder „Ober-Troll“ David Walsh von der Sunday Times, der Armstrong 2001 als Kunde des Mediziners Michele Ferrari outete. Oder auch eine beliebige Zahl von neugierigen Leuten in Europa.
Aber selbst auf dem alten Kontinent bleibt die Story unwiderstehlich. Was die Armstrong-Evangelisten als Gospel predigen, sickert butterweich in unser Bewusstsein als ein Märchen, dessen fiktionale Elemente wir lieber ignorieren. Auch die Magazine kennen den Effekt: Immer, wenn Armstrong auf dem Cover erscheint, schnellen die Verkaufszahlen nach oben. Auf Partys fragen Unbekannte den Radsport-Journalisten, ob er ihn persönlich kennengelernt hat. Bei „ja“ beginnen die Augen der Fragenden zu leuchten wie die des Kellners in Austin, der Specter sagt: „Wenn Lance auftaucht, sind die Leute im Delirium. Sie lieben diesen Typen. Sein Leben ist wie ein Alamo-Mythos, und alle lieben Mythen, vor allem in Texas.“
Nur ein mutiger Mann würde Chris Carmichaels Story anzweifeln, nach welcher der Ex-Profi den von Selbstzweifeln gebeutelten Armstrong 1998 nach seiner Krebserkrankung vom Abgrund der Resignation zurückzog und ihn zum Comeback bewegte. Und bevor er ins Detail geht, erzählt Carmichael natürlich die bekannte Sage von der Erleuchtung, die sich im April auf dem Beech Mountain in North Carolina ereignete, zwei Wochen, nachdem Armstrong aus Paris-Nizza ausgestiegen war und mit dem Radsport aufhören wollte. „Etwas ist auf diesem Berg passiert“, erinnert sich Carmichael. „Er hatte gerade seinen Partner abgehängt und trat in die Pedale. Es war seltsam. Ich folgte ihm im Auto. Der kalte Regen war nun nasser Schnee. Und ich kurbelte das Fenster runter, drückte auf die Hupe und schrie: Fahr’, Lance, fahr’! Er attackierte und stiefelte davon, als ob wir bei der Tour de France wären … Es war, als hätte er einen Schalter umgelegt.“
Wie ganz Amerika will Specter wissen, was Armstrong so besonders macht. Mit Carmichael fragt er genau den Richtigen. „Lance arbeitet wie ein Besessener. Es ist ein bisschen verrückt, was er sich für ein Programm auferlegt, damit er die Tour jedes Jahr gewinnen kann“, erklärt der Coach. Carmichael weist darauf hin, dass Armstrong der erste Fahrer war, der je vorher die wichtigen Berg-Etappen der Tour abfuhr. „Wer schlägt jeden Tag mehr Übungsbälle als jeder andere Golfer? Raten Sie mal. Tiger Woods. Nun, Lance trainiert mehr als seine Rivalen“, fügt er stolz hinzu.„Niemand sonst würde das auf sich nehmen. Niemand sonst würde es wagen.“
Es ist irgendwann Anfang 2003, und Lance Armstrong beugt sich in seinem Stuhl nach vorn. Er weist den Journalisten ihm gegenüber an, die Stopptaste des Diktiergerätes zu drücken. Lance hat etwas, das er sich von der Seele reden will. Etwas, das die Welt wissen soll. Es nagt seit einiger Zeit an ihm. Das einzige Problem ist, er hat so seine Erfahrung mit Gerichtsverfahren. Das Ein-Mann-Publikum muss reichen. Er geht den Monolog im Kopf noch einmal durch und beugt sich dann nach vorn.
„Es gibt drei böse Menschen auf der Welt“, sagt er und nutzt Daumen und Zeigefinger, um den Countdown zu beginnen. „Osama Bin Laden ...“, er macht eine Pause, um den größten dramatischen Effekt zu erreichen, „Saddam Hussein …“, Lance macht eine noch längere Pause, schaut auf, holt Luft, „... und David Walsh.“
Würde man Armstrong heute fragen, hätte er bestimmt auch noch Platz für Jeff Novitzky in seinem erlesenen Club der Bösewichter – eine Art VIP-Bereich (Völlig induskutable Personen) innerhalb der schwarzen Liste, auf der immer noch Platz ist für neue Mitglieder. Heutzutage behandelt Armstrong die Treulosen geringschätzig und sperrt sie aus seinem Twitter-Account aus, oder wenn sie wirklich Pech haben, erweist er ihnen die zweifelhafte Ehre einer Erwähnung auf seiner offiziellen Twitter-Seite oder der seines spanischen Alias’ Juan Pelota. So fragte er im November sarkastisch, ob Novitzky es sich auf Steuerzahlerkosten in europäischen Vier-Sterne-Hotels gut gehen lasse, während er auf dem Kontinent Mülleimer durchwühlen und sich mit französischen und italienischen Behörden treffen würde. In einer anderen Mitteilung schlägt er vor, Interpol solle sich auf die Jagd nach Bin Laden konzentrieren, statt Beweise zu suchen, dass er bei seinen sieben Tour-Siegen gedopt war. Übrigens – wissen Sie, wie die Italiener Armstrong genannt haben, als er im letzten Jahr mitten im Giro nur noch über grobkörnige Heimvideos mit der Presse sprach? Genau – sie nannten ihn „Osama“.
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Foto Tim de Waele
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