
Zu den messerscharfen Sportmotorrädern von KTM haben sich inzwischen ebenso konzipierte Rennräder gesellt. Nach einer längeren Ausfahrt wird Marcel Wüst wohl nie mehr an das alte Moped eines Jugendfreundes denken, wenn er den Namen der Firma hört.
Als Teenager hatte einer meiner Kumpel ein Mofa von KTM, das immer wieder mal liegen blieb. Also gaben wir dem Gefährt passend zum Akronym einen neuen Namen: „Komm, trampel mit!“ Dass ich fast drei Jahrzehnte später auf einem namensgleichen Highend-Rennrad sitzen würde, bei dem Treten natürlich die Grundvoraussetzung der Fortbewegung ist, hätte ich mir damals als Schülerfahrer wohl kaum träumen lassen.
So passierte es kurz nach dem Jahreswechsel 2010/2011, und wie schon so oft genoss ich die Sonnenstrahlen auf wohlbekannten mallorquinischen Straßen. Da ich diesmal richtig lange „trampeln“ wollte, verabredete ich mich kurzerhand mit Jan Erik „Blacky“ Schwarzer, der in Sineu eine Art WG für Radrennfahrer betreibt (MA-13), auf einen cafe con leche als Starthilfe. Zum Glück, wie sich herausstellte, denn da ich bis auf den Puig Major fahren wollte, hatte ich mich mit dem Auto von Cala Murada nach Sineu bringen lassen, aber die Schuhe mit den alten Pedalplatten eingepackt. Einklicken in meine Keos war unmöglich, aber Blacky hatte ein paar „Leihpedale“ im Haus, und so konnte mein Abenteuer in die Sierra de Tramuntana starten.
Ich hatte kalkuliert, bis oben und wieder zurück ungefähr 140 Kilometer abzuspulen. Was die Sache etwas schwierig machen würde, war die Tatsache, dass ich vor lauter Konzentration nicht daran gedacht hatte, die integrierte Sattelstütze um vier Zentimeter zu kürzen, und dass an meinem Testrad (wie schon so oft) keine Flaschenhalter montiert waren. Dennoch startete ich guter Dinge, denn ich wusste um genügend Möglichkeiten, ab und an etwas zu trinken zu kaufen.
Wie immer sind es die ersten Pedalumdrehungen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das KTM lag top auf der Straße, die Sitzposition war perfekt, und auch die Komponenten gefielen mir gut. Nur der FSA-Bügel machte im Oberlenkerbereich den Eindruck, als müsse man ihn weiter nach unten drehen, um ihn wirklich ergonomisch greifen zu können. Aber dann wären die Bremsgriffe sehr weit weg, und die Lenkerenden stünden gen Himmel – also eine eher wenig erstrebenswerte Lösung dieses Problemchens. Der Sattel war viel komfortabler, als er aussah, was vielleicht auch daran lag, dass ich diesen Winter regelmäßiger als sonst auf dem Rennrad unterwegs gewesen war. So hatte mein Allerwertester ein recht dickes Fell entwickelt. Der SLR von Selle Italia könnte glatt eine attraktive Alternative zu meinen bisherigen Sattel werden.
Mit leichtem Rückenwind rollte ich auf die super asphaltierte Straße in Richtung Inca, und hier genoss ich es, mal wieder ein Testrad mit einem 53er-Kettenblatt zu haben. Mit einem Schnitt, der sicher nur knapp unter 40 km/h lag, erreichte ich mit surrenden Laufrädern Inca, und mir wurde klar, dass die gut 25 Kilometer nach oben mit einem 39er-Blatt und dann der fast 100 Kilometer lange Rückweg vom Puig mit Gegenwind doch eine Art Herausforderung sein würden. Als ich in Caimari in den Berg „einstieg“, war ich wirklich guter Dinge: Ein toll ausgestattetes, leichtes Rad unterm Hintern und viel Sonne in den Carbon-Speichen, so überholte ich einige spanische Radgruppen. Allerdings war ich sonntagvormittags unterwegs; so machten die „Amigos“ keine Anstalten, an mir dranzubleiben. Sie waren wohl eher im Wochenendmodus.
Am liebsten fuhr ich mit einer kleinen Übersetzung im Sitzen, um dann an den Flachstücken auch mal brachial aufs große Blatt zu schalten und ein gutes Stück mit erhöhtem Krafteinsatz zu fahren. Die Beschleunigung war top, auch dank der R-SYS-Laufräder; allerdings hätte ein integriertes PressFit- oder BB30-Tretlager dem Revelator noch mehr Tretlagersteifigkeit bescheren können. Die Lenker-Vorbau-Kombination hingegen, Ersterer aus Carbon, der Vorbau aus Alu mit Carbon-Deckel, war nicht zu erweichen – etwas, das vor allem kräftigere Fahrertypen zu schätzen wissen.
An der Tankstelle am Kloster Lluc kaufte ich eine Flasche Wasser und eine Dose Cola, und als ich rauskam, fragte mich gleich ein Spanier, was das denn für ein Rad sei – er kenne nur die Cross-Version mit Motor. Ich sagte ihm mit einem Grinsen, KTM sei eine Abkürzung, die so viel heiße wie „venga, dar pedales“ – „komm, trampel mit“ eben ... Dann kletterte ich weiter bergan und erfreute mich neben der grandiosen Aussicht vor allem am Revelator. Ich hatte das Gefühl einer sehr sportlichen Sitzposition und bekam den Druck super aufs Pedal, was auch daran lag, dass hier die auch von mir privat genutzten 175 Millimeter langen Kurbeln montiert waren.
Überhaupt ist das KTM ein bodenständiger Begleiter. Die Züge laufen klassisch außen, und der Werfer ist mit einer Schelle montiert, womit böse Überraschungen wie ein abgerissener Werfersockel ein für alle Mal passé sind. Ein fast unsichtbarer Schutz gegen Kettenklemmer sitzt ganz dezent nah am kleinen Kettenblatt, und bei einem etwas ruppigen Schaltvorgang meinerseits kam dieser auch zum Einsatz. Der Monostay oder Wishbone-Hinterbau wird heutzutage zwar immer seltener verbaut, doch ich finde, dass er zu diesem Rad designtechnisch gut passt.
Weiterlesen? Den gesamten Test finden Sie in Procycling 03/2011 – ab 18. Februar an Ihrem Kiosk.
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Foto Kai Dudenhöfer
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