
Der Anruf traf Brian Nygaard wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im Juni 2010 suchte der luxemburgische Immobilien-Tycoon Flavio Becca beim Pressesprecher des Teams Sky Rat – wegen eines neuen Profi-Teams, das er auf die Beine stellen wollte.
In dem anschließenden dreistündigen Gespräch erfuhr Nygaard, dass der Geschäftsmann das Geld für das Team lockermachen wollte und er General Manager werden sollte. Nygaard erkannte die außergewöhnliche Gelegenheit und zögerte nicht lange. Er verließ Sky, und eine Woche später erklärte er, dass die finanzielle Grundlage des Teams gesichert sei. Nygaard bereitete die Unterlagen für die UCI vor und fing an, mit kommerziellen Sponsoren zu verhandeln und Fahrer und Mitarbeiter zu rekrutieren.
Nygaard versichert zwar, dass Beccas Anruf eine Überraschung war, doch Gerüchte über ein neues luxemburgisches Team hatten schon seit Monaten die Runde gemacht. Der frühere Astana-Teammanager Marc Biver sagte im März, ihm sei eine ähnliche Rolle im neuen Team angeboten worden. Er wurde später aus der Planung gestrichen, weil er zu früh mit der Presse gesprochen hatte. Außerdem kam heraus, dass die luxemburgischen Fahrer Fränk und Andy Schleck – die wegen der Nationalität des Teams eine Hauptrolle spielen sollten – sowie ihr langjähriger Sportlicher Leiter bei Saxo Bank, Kim Andersen, seit Januar des letzten Jahres von der Möglichkeit eines Teams gewusst hatten. Tatsächlich wurde Andersen von Saxo-Bank-Boss Bjarne Riis eine Woche vor der Tour de France gefeuert, weil er bereits für das neue Team arbeitete. Maxime Monfort, einer der Neuzugänge von Leopard-Trek, erzählte, die Schlecks hätten ihm schon im Frühjahr ein Angebot gemacht. Faktisch war Beccas Anruf bei Nygaard also nur noch der Punkt, an dem das Team zu einem offiziellen Projekt wurde. Das Interesse an dem Team wuchs, und Neuigkeiten vom Luxembourg Pro Cycling Project hielten die Gerüchteküche des Radsports monatelang am Brodeln. Nygaard, gelernter PR-Manager, sorgte dafür, dass die Presse ständig mit kleinen Informations-Häppchen gefüttert wurde.
Dass das neue Team die fahrerischen Ressourcen von Saxo Bank ausplünderte, bestimmte die Transfer-Schlagzeilen von August bis November. Im mittleren Drittel des Jahres war Saxo Bank immer noch auf der Suche nach einem Titelsponsor für 2011, und die Mitarbeiter wurden nervös. Fabian Cancellara sagte, die Masseure, Mechaniker und Mitarbeiter verlangten nach Stabilität. Das luxemburgische Projekt bot ihnen dies; Bjarne Riis’ sponsorenloses, in Lager gespaltenes Saxo-Bank-Team konnte es nicht. Ende des Jahres hatten acht Fahrer und zwei Sportliche Leiter plus wichtige Mitarbeiter die Seiten gewechselt, angezogen von einer Mischung aus Sicherheit und Vertrautheit. Als Fränk Schleck im Januar dieses Jahres zu Procycling sagte, er glaube, „Bjarne kann enttäuscht sein, aber er kann nicht wütend sein“, dass er und sein Bruder gegangen seien, ließ die ganze Tragweite ihres Weggangs seine Worte hohl klingen. Das Team, das Riis fast ein Jahrzehnt lang aufgebaut hatte, wurde in wenigen Monaten zerstört. Fabian Cancellara, Jens Voigt, Stuart O’Grady, Jakob Fuglsang, Anders Lund und Dominic Klemme gingen. Der Verlust wird noch schmerzhafter angesichts der Tatsache, dass Riis’ neuer Superstar Alberto Contador wegen seines positiven Tests von der Tour wohl gesperrt wird.
Bei der Team-Präsentation im Centre National Sportif et Culturel d’Coque in Luxemburg wurden die Fahrer einem riesigen Mediencorps vorgestellt, das besonders gespannt auf den wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Namen des Teams war. Auf der Bühne wirkte alles einstudiert. Die Präsentation war schick, die Fahrer trugen graue Anzüge und passende Schals und lächelten viel für die zahlreichen Kameras. Die versammelte Presse erfuhr, dass der Name – Leopard – von dem Notar vorgeschlagen worden war, der die Unternehmensgründung beurkundete. „Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel er mir“, sagte Nygaard. „Unter einem Leoparden stelle ich mir ein elegantes und starkes Tier vor, und wenn wir als Team auch so sind, passt der Name sehr gut.“ Bleibt zu hoffen, dass Becca weiterhin am Radsport interessiert ist, damit das Team nicht in Gefahr gerät.
„Wir wollten eine wirklich intelligente Marketing-Plattform für verschiedene Firmen aufbauen“, fügte Nygaard hinzu. Tatsächlich dürften sich die Fahrer gut vermarkten lassen. Die Ergebnisse dürften sich einstellen, und das Team hat ein gutes Image – ein sauberer und erfolgreicher Brüder-Bund. Mercedes und Trek waren die ersten Partner, die vorgestellt wurden, jedoch nur als Nebensponsor. Viele glaubten, die Geheimnistuerei beim Teamnamen sei ein Marketing-Trick von Nygaard gewesen, um aus dem Hype vor der Präsentation so viele Schlagzeilen wie möglich herauszuquetschen. Doch es täuschte über einen anderen Grund hinweg: Das Management hatte noch keinen Hauptsponsor an Land gezogen. Die luxemburgische Zeitung Le Quotidien berichtete im November, das Telekommunikations-Unternehmen Belgacom sei im Begriff, sich als Geldgeber zu engagieren, doch aus nicht genannten Gründen wurde nichts aus dem Deal. Nach der Präsenta-tion des Teams sagte Nick Howe, der bei Trek für die Vermarktung der Rennräder zuständig ist, er habe erst Mitte Dezember den endgültigen Namen des Teams erfahren. Danach mussten über die Weihnachtsfeiertage eine Team-Identität, Logos für die Teamräder, eine Website und ein Video produziert werden.
Wie dem auch sei, der fehlende Titelsponsor wird Nygaard kaum kümmern. Er will das genaue Budget des Teams, das auf rund 15 Millionen Euro geschätzt wird, nicht beziffern, sagt aber, Beccas Beitrag sei „kleiner, als Sie denken“. Offenbar steuert Trek drei bis vier Millionen Euro bei, sodass eine Lücke von mehr als zehn Millionen bleibt. Entweder machen die Co-Sponsoren Mercedes, der Bekleidungshersteller Craft und das luxemburgische Energieunternehmen Enovos wesentlich mehr Geld locker, oder Becca hat doch einen größeren Anteil an dem Team als angegeben.
Der fehlende große Sponsor hat die UCI bei ihrer Entscheidung über die Lizenzvergabe jedenfalls nicht gestört. Während der Weltverband das australische Projekt Pegasus abblitzen ließ und ihm keine ProContinental-Zulassung erteilte, weil die Finanzen ein Chaos waren, wurde das Luxembourg Pro Cycling Project abgesegnet. Becca hatte anscheinend genug Geld hinterlegt, um die UCI von der Stabilität des Teams zu überzeugen. Dass Becca involviert ist, ist nicht ungewöhnlich; er ist einer von vielen reichen Wohltätern, die sich im Berufsradsport engagieren, wenn er auch nicht so präsent sein wird wie andere – etwa Bob Stapleton bei HTC-Highroad und Andy Rihs bei BMC Racing.
Doch wie das Team nun genau ins Leben gerufen wurde, wird in den Hintergrund rücken, sobald das sportliche Geschehen ernsthaft anfängt. Schließlich ist Leopard-Trek einfach nur ein neues Team, das viel Ähnlichkeit mit Saxo Bank hat. Leopard hat eine Garantie von Becca für die nächsten vier Jahre, und im Team findet sich kein Fahrer, der in einen größeren Skandal verwickelt war. Vor allem hat das Team fähige Persönlichkeiten, die große Rennen gewinnen können.
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