
In jeder Saison behält Procycling vier junge Profis ein Jahr lang im Blick. Hier ist unser 2011er-Jahrgang: John Degenkolb, Adam Blythe, Andrew Talansky und Nacer Bouhanni
John Degenkolb
HTC-Highroad
Es gibt die häufig zitierte Theorie, dass es unmöglich ist, den zukünftigen Erfolg eines jungen Radsportlers vorherzusagen. Diese These wird nach 30 Sekunden hinfällig, wenn man den 21 Jahre alten Neuprofi John Degenkolb beim ersten Wintertrainingslager von HTC-Highroad durch die Gänge des Firmensitzes von Specialized in Kalifornien spazieren sieht.
Man weiß einfach, dass man jemand Besonderen vor sich hat, wenn man einen Jungen wie Degenkolb zum ersten Mal sieht. Man sieht es, man hört es, man spürt es. Es ist nicht greifbar, nicht zu benennen und unsichtbar für das ungeübte Auge – aber es ist der Unterschied zwischen einem jungen Athleten, der eine Profi-Laufbahn einschlägt und unsicher ist, und dem, der einen Schritt auf sein Schicksal zumacht. Das ist, kurz gefasst, was Degenkolb meint, wenn er uns sagt: „Es ist wichtig zu wissen, was man im Leben will, wo du hin willst.“ Oder was HTC-Highroad-Sportdirektor Rolf Aldag meint, wenn er sagt: „Das Besondere an John ist, dass er ganz genau weiß, was er will. Gewöhnlich ist es bei Neuprofis so, dass die Manager am meisten reden und die meisten Fragen stellen. Bei John war es fast umgekehrt.“

Wir haben es vor einem Jahr bei dem entsprechenden Trainingslager im italienischen Varese beim Australier Leigh Howard gesehen. Howard war der beste von allen HTC-Neuprofis 2010, holte einen Sprintsieg auf einer Etappe der Tour of Oman, und es wäre eine Überraschung gewesen, wenn Degenkolb 2011 nicht denselben fliegenden Start hingelegt hätte. „Ich will dieses Jahr ein Rennen gewinnen, irgendeins“, sagte der junge Deutsche, als er seine Saisonziele zusammenfasste. Bei fast jedem anderen Neuprofi würde das großspurig klingen. Aber bei Degenkolb klingt es fast bescheiden. „Er wird 2011 definitiv etwas gewinnen“, prophezeite sein Teamkollege Bernhard Eisel. Und er musste nicht lange warten: Im Februar fuhr Degenkolb auf der 2. Etappe der Algarve-Rundfahrt seinen ersten Profi-Sieg ein.
Abgesehen von seiner Entschlossenheit ist der Grund für diese hohen Erwartungen nicht schwer zu begreifen. Der Sohn eines Bauarbeiters aus Thüringen, der als Amateur gegen Fahrer wie Olaf Ludwig antrat, würde sich auf einer Baustelle fast so gut machen wie im Sattel, wenn man sich seine muskulöse Figur anschaut. Der Silbermedaillengewinner des U23-WM-Straßenrennens in Geelong und Sieger von zwölf Rennen im letzten Jahr – darunter zwei Etappen der Tour de l’Avenir sowie eine Etappe und die Gesamtwertung der Thüringen Rundfahrt – hat, abgesehen vom Hochgebirge, auf jedem möglichen Terrain geglänzt.
„Physiologisch ist er irgendwo zwischen einem Klassikerfahrer und einem Sprinter“, erklärt HTC-Highroad-Trainer Sebastian Weber, der mit Degenkolb vor und während des Trainingslagers in Kalifornien physiologische Tests machte. „Er hat eine mittlere anaerobe Kapazität, was heißt, dass er in beide Richtungen gehen könnte. Er kann keine 1.500 Watt treten wie ein reiner Sprinter, aber er kann längere Zeit 1.000 Watt aufrechterhalten.
John ist reif im Kopf und in den Beinen – um das festzustellen, braucht man ihn bloß anzuschauen“, fährt Weber fort. „Er wird dieses Jahr wahrscheinlich zwei oder drei Kilo an Muskelmasse verlieren, was für einen Neuprofi nicht ungewöhnlich ist. Er ist ziemlich schwer, aber an Labortests kann man nicht erkennen, wie er sich in den Bergen machen wird. Er könnte sich entwickeln wie Gerald Ciolek, der sehr gut kletterte. Ob er Zeitfahrprüfungen im Profi-Peloton gewinnen kann, wird wirklich vom Kurs abhängen. Er fährt sehr gut in die Kurven, und ich kann mir vorstellen, dass er auf technisch schweren Strecken mit vielen Rhythmuswechseln gut fahren kann – vor allem jetzt, wo seine Haltung etwas aerodynamischer ist. Auf Strecken hingegen, die aussehen wie eine Flughafenlandebahn, kann er, glaube ich, nicht gewinnen.“
Am Beginn einer Profi-Karriere lauern viele Gefahren, aber nach allem, was wir in Kalifornien gesehen und gehört haben, sollte Degenkolb ein reibungsloser Start gelingen. Wie sein Teamkollege Tony Martin ist er ausgebildeter Polizist. Nachdem er als Polizeischüler im öffentlichen Dienst gestanden hat, bekommt es Degenkolb nun mit einer ganz anderen Öffentlichkeit zu tun – den deutschen Radsportfans. „Die Situation hierzulande muss sich verbessern“, verweist er auf den Schaden, den dauernde Dopingskandale angerichtet haben. „In keinem anderen Land behandeln die Medien die Fahrer so hart. Auf der anderen Seite profitieren alle von einem sauberen Sport, deswegen ist es unsere Aufgabe, für einen sauberen Job zu sorgen.“
Der als Mensch eher zurückhaltend wirkende Degenkolb könnte sich auf der Straße schon im Frühjahr in Szene setzen und hat seine Debüts bei der Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix fest im Blick. „Wir haben ihm gesagt, dass er sich seinen Platz verdienen muss, wenn er Flandern und Roubaix in seinem ersten Jahr fahren will“, bemerkte Aldag schon im November. „Er war sicher, dass er das schaffen würde.“ Und Eisel glaubt, dass Degenkolb in seiner ersten Profi-Saison nicht nur mindestens einen Sieg feiert, sondern dass dieser Sieg durchaus bei einem Halbklassiker auf Kopfsteinpflaster kommen könnte, auf den einige sogenannte Spezialisten ihr ganzes Leben lang warten.
Palmarès
1. Platz Etappe Driedaagse van West-Vlaanderen (2011)
1. Platz Etappe Algarve-Rundfahrt (2011)
1. Platz Internationale Thüringen Rundfahrt (2010)
1. Platz Deutsche U23-Meisterschaft (2010)
1. Platz Etappe FBD Insurance Rás (2010)
1. Platz Etappe Tour de l’Avenir (2010)
1. Platz Etappe Tour Alsace (2010)
1. Platz Etappe Tour de Bretagne (2010)
1. Platz Etappe Linz–Passau–Budejovice (2008)
1. Platz Deutsche Zeitfahrmeisterschaft Junioren (2007)

Adam Blythe
Omega Pharma-Lotto
Dass Adam Blythe letztes Jahr dank der Fürsprache seines Omega-Pharma-Lotto-Kapitäns Philippe Gilbert sein Debüt bei der Flandern-Rundfahrt geben durfte, sagt viel über die Fähigkeiten des jungen Briten. Für den damals 20-jährigen frischgebackenen Profi stellten dieses Rennen und der Start bei Paris–Roubaix eine Woche später die Highlights einer bemerkenswerten Saison dar. „Ich war wirklich schockiert, dass sie mich ausgewählt haben“, sagt Blythe zu Procycling, „zumal die Flandern-Rundfahrt für ein belgisches Team so wichtig ist wie die Weltmeisterschaft.“
Zwei Rennen, die er nicht einmal beendete, als Höhepunkte eines Jahres zu bezeichnen, in dem er vier Siege feierte, mag etwas ungewöhnlich klingen, aber Blythes Gedanken werden verständlich, wenn man seinen Weg zu dem belgischen Top-Team nachvollzieht. In Sheffield geboren, wurde er früh mit dem Radsport-Fieber infiziert. „Mein Großvater hat mich sehr angeregt, weil er ein guter Radsportler war. Auch mein Vater hat sich als Zeitfahrer ausprobiert. Ich bin mit sechs Jahren meine ersten Rennen gefahren“, erzählt er.
Zwei Jahre später unternahm Blythe den ersten von vielen Trips nach Holland und Belgien. „Ich bin mit Ben Swift dort hingereist, als ich acht war, und dort ein paar Kinderrennen gefahren. Das hat so einen Spaß gemacht, dass wir immer wieder dort hingefahren sind. Im Laufe der Jahre mochte ich diese Art von Rennen immer lieber – das Kopfsteinpflaster, den Wind und diese Hügel, die so typisch dafür sind.“
Als Teenager machte sich Blythe einen Namen auf der Bahn, was ihm einen Platz in der British Cycling Academy einbrachte. 2008 beschloss er, seinen eigenen Weg zu gehen, beflügelt von dem Wunsch, sich auf der Straße zu beweisen. Mithilfe des Ex-Profis Tim Harris fand er einen Platz im Davo-Team, das vom früheren Lotto-Profi Kurt Van De Wouwer gemanagt wurde. Eine Reihe von eindrucksvollen Leistungen dort brachten ihm 2009 einen Platz als Stagiaire bei Omega und am Ende der Saison ein Angebot für einen Vollzeit-Vertrag ein. „Mein Hauptziel in der letzten Saison war zu gewinnen. Aber was mir wirklich Auftrieb gegeben hat, war die Nominierung für Flandern und Roubaix in meiner ersten Saison“, erzählt Blythe. „Den Giro zu fahren war ein weiterer wichtiger Schritt. Der Plan war, dass ich nur die ersten zehn Tage dabei bin, und am meisten genossen habe ich die ersten drei Etappen in Holland, weil ich es liebe, dort zu fahren. Sobald wir nach Italien kamen, war es eine andere Geschichte, wegen all der Hügel und dem saumäßigen Wetter; aber ich habe sehr viel von Charly Wegelius und Matt Lloyd gelernt – nicht nur über Radrennen, sondern auch, wie ein Profi sich ernähren sollte, wie viel man regenerieren sollte und wie man auf sich achtet.“
Mit dem fünften Platz im Massensprint auf der 3. Etappe des Giro demonstrierte Blythe seine Endschnelligkeit. Diese spielte er im Laufe der Saison immer wieder aus und errang einige gute Platzierungen, doch der ersehnte Sieg hatte sich auch gegen Ende der Saison noch nicht eingestellt.
„Das fing an mich zu belasten, als der Circuit Franco–Belge anstand, mein letztes großes Rennen der Saison. Ich wusste, dass ich gewinnen konnte, aber ich gewann einfach nichts“, erklärt er. Das viertägige Rennen startete am Tag vor Blythes 21. Geburtstag auf dem Kopfsteinpflaster, das er so gut kennt. Schließlich lief alles perfekt, und er holte endlich den ersehnten Sieg – obwohl er das seinerzeit nicht wusste. „Das Komische war: Als ich auf der Eröffnungsetappe den Sprint des großen Feldes gewann, dachte ich, dass wir noch gar nicht alle Ausreißer eingeholt haben. Ich habe nicht einmal gejubelt. Erst als mir jemand auf den Rücken klopfte, um mir zu gratulieren, wurde mir klar, dass ich gewonnen hatte“, erzählt er uns.
Er feierte seinen 21. Geburtstag nach mit ei-nem weiteren Sprintsieg auf der 3. Etappe, bei dem er unter anderem Wouter Weylandt, Geert Steeg-mans, Jimmy Casper und Kenny van Hummel hinter sich ließ. Den Gesamtsieg besiegelte er am nächsten Tag, bevor er seine Saison mit einem weiteren Erfolg auf belgischem Boden beim GP Putte–Kapellen perfekt abrundete.
An diese Erfolge will Blythe 2011 anknüpfen, obwohl er weiß, dass es schwerer sein wird, in die Auswahl für einige große Rennen zu kommen, nachdem Omega Pharma aufgerüstet hat – nicht zuletzt mit dem Sprinter André Greipel. „Dass er jetzt bei uns ist, wird mich nicht allzu sehr beeinträchtigen, weil unsere Programme wohl ziemlich unterschiedlich sein werden. Aber wenn wir dieselben Rennen fahren, bin ich sicher, dass wir alles tun werden, um zu kooperieren und für das Team zu gewinnen, was das wichtigste Ziel ist. Natürlich hat er schon gezeigt, dass er ein super Sprinter ist, und ich bin sicher, dass ich viel von ihm lernen werde“, freut sich Blythe. „Mein persönliches Ziel ist zunächst einmal, für die Klassiker aufgestellt zu werden, aber das wird dieses Jahr nicht so einfach.“
Palmarès
1. Platz GP Putte-Kapellen (2010)
1. Platz Circuit Franco-Belge (2010)
1. Platz Circuit du Port de Dunkerque (2009)
1. Platz Madison, Britische Landesmeisterschaft (2007)
1. Platz Mannschaftsverfolgung der Junioren, Bahn-Europameisterschaft (2007)
1. Platz Kuurne–Brüssel–Kuurne der Junioren (2007)
1. Platz British National Circuit Race Championships (2005)
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Fotos Joseph Branston
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