
Aus dem Zusammenschluss von Garmin und Cervélo ist eine Mannschaft hervorgegangen, die Cancellara bei den Frühjahrsklassikern schlagen könnte. Procycling traf das neue Team bei seiner Vorbereitung auf den ultimativen Kampf.
Eigentlich wollte Garmin-Transitions Fabian Cancellara 2011 für die Klassiker unter Vertrag nehmen. Als das nicht klappte, verpflichtete das Team halt seine stärksten Konkurrenten. Das klingt wie ein Witz, ist aber zufälligerweise wahr. Im letzten Jahr stand Teamchef Jonathan Vaughters in Kontakt mit dem Schweizer Star. „Wir haben kurz gesprochen, doch es ist nichts dabei herausgekommen“, sagt er zu Procycling, bevor er lachend sagt: „Wir hatten nicht genug Geld für ihn.“
Mitte August dagegen ergriff der Garmin-Geschäftsführer die Chance, als Gerard Vroomen, Mitgründer von Cervélo, beschloss, sein TestTeam aufzulösen, anstatt Geld in den Aufstieg zur WorldTour zu investieren. So fusionierten die beiden Teams und wurden zu Garmin-Cervélo, einem veritablen Spezialkommando, das seinen Fokus klar auf die Frühjahrs-Klassiker ausgerichtet hat. Mit Thor Hushovd, Heinrich Haussler und fünf weiteren Neuzugängen – bis auf Daniel Lloyd allesamt ausgewiesene Kopfsteinpflaster-Spezialisten – bildet das Team die wohl stärkste Phalanx für die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix seit Mapei im Jahr 2000.
Peter Van Petegem, der seit Kurzem im Team mitarbeitet, ist geradezu ekstatisch: „Dieses Team ist das Real Madrid des Radsports!“ Der frühere Paris-Roubaix- und Flandern-Sieger will seinen eigenen Erfolg mit den früheren Cervélo-Stars und Fahrern wie Tyler Farrar, Martijn Maaskant und anderen wiederholen.

Aufgrund dieser Ballung der Talente ist alles, was mit Garmin-Cervélo zu tun hat, ein beliebter Gegenstand von Klatsch und Tratsch in der Radsportwelt. So verließ Thor Hushovd im November für ein paar Stunden das Trainingslager auf Grand Cayman in der Karibik. Er wollte sich mit einem norwegischen Landsmann treffen, dem Tanker-Milliardär Andreas Ugland, der auf der Insel lebt. Hushovd wurde von vier Freunden begleitet: Gabriel Rasch, Andreas Klier, Roger Hammond und Heinrich Haussler.
Dieses Intermezzo beschäftigte natürlich die tratschenden Fahrer außerhalb der Truppe. Alle in der Gruppe hatten das Privileg, an Bord der „Jotun“ zu gehen, ein Rennboot, das Ugland vor der Küste liegen hat. Einige interpretierten diesen Ausflug so, dass die beiden Komponenten des Garmin-Cervélo-Teams nicht so recht zusammenhalten wollten – denn Hushovd nahm ausschließlich alte TestTeam-Kollegen mit. Erwähnt man diese Gerüchte allerdings gegenüber irgendeinem Mitglied des neuen Teams, hört man nur Beschwörungen der Einigkeit. „Wir sind das beste Klassiker-Team der Welt, und wir sind alle gute Jungs“, versichert David Millar. „Unsere Fahrer sind keine jungen Typen mit großem Ego.“
Kurz danach betonen auch andere Fahrer, dass die Mitglieder des aufgelösten Cervélo TestTeams die Truppe zu einem echten Team gemacht hätten und der harte Kern der Klassikerbrigade von Garmin-Cervélo 2011 seien. Natürlich heben sie das Durchschnittsalter des Teams ein wenig an (auf nunmehr 31,7 Jahre), aber mit dem Alter kommen Erfahrung und beeindruckende Sprintzüge für die schnellen Männer.
Welcher Fahrer führt Garmin-Cervélo jetzt an? Ist das – bei einer solchen Fülle an talentierten Portagonisten – überhaupt wichtig? Beim Cervélo TestTeam war die Situation klarer. Ein Procycling-Foto von Anfang 2010 zeigte Haussler auf Hushovds Schultern. Eine zirkusreife menschliche Pyramide wäre die aktuelle Entsprechung, da sich die Klassiker-Spezialisten die Führungsrolle mit mindestens einem weiteren Teamkollegen teilen müssen – Tyler Farrar.
Es wäre vielleicht einfacher, jeden glücklich zu machen und jeweils einem Fahrer die volle Unterstützung für einen ausgesuchten Klassiker zu geben. Für Haussler Mailand–San Remo, wo er 2009 einen unvergesslichen Sprint fuhr, nur um von Mark Cavendish abgefangen zu werden. Für den in Gent lebenden Tyler Farrar die Flandern-Rundfahrt, deren Strecke er kennt wie seine Westentasche. Schließlich Paris–Roubaix für Thor Hushovd, um ihm eine Chance zu geben, das historische Rennen zu gewinnen, das er so liebt. Aber tatsächlich träumen alle drei davon, alle drei Rennen zu gewinnen, und Haussler hat schon wissen lassen, dass seine großen Ziele San Remo und die Flandern-Rundfahrt sind.
Dennoch ist sich Vaughters sicher, dass er das Team dazu kriegt, als Gruppe zu arbeiten statt als Individuen. „Tyler, Thor und Heinrich haben kein Ego und sind großzügig“, stellt er fest. „Sie sind alle intelligent genug, um zu verstehen, dass sie gewinnen können, wenn sie einen guten Tag haben, und einem anderen Fahrer helfen müssen, wenn sie einen mittelmäßigen Tag haben. Deswegen liegt der Schlüssel darin, ihnen Autonomie zu geben. Sie werden sehen, wie sie sich fühlen, und zusammenarbeiten.“
Trotzdem will Vaughters am Morgen des Rennens einen oder zwei Kapitäne nominieren. „Für Flandern oder Roubaix werden wir die Antwort vor dem Rennen haben. Wenn Thor in guter Form ist, werden ihn alle zu 100 Prozent unterstützen. Mailand–San Remo – das ist schwer. Thor, Heinrich oder Tyler? Sie können alle gewinnen.“
Insgesamt zwölf Garmin-Cervélo-Fahrer sind bekennende Flandern-Fans. Von diesem Dutzend stammen Andreas Klier, Roger Hammond, Gabriel Rash und Brent Lancaster aus dem früheren Cervélo TestTeam. Dann ist da der vielversprechende litauische Neuprofi Ramunas Navardauskas, der letztes Jahr die U23-Version von Lüttich–Bastogne–Lüttich gewonnen hat und Siebter bei der Nachwuchs-Version von Paris–Roubaix wurde. Außerdem steht mit Sep Vanmarcke noch die Entdeckung der Klassikersaison 2010 parat. „Ich will beweisen, dass mein zweiter Platz bei Gent–Wevelgem kein Glückstreffer war“, erklärt der Belgier. „Außerdem brauche ich Erfahrung. Garmin-Cervélo ist die perfekte Umgebung zum Lernen.“
Das Dream-Team hat noch zwei weitere Karten im Ärmel: den Belgier Johan Van Summeren und den Holländer Martijn Maaskant, die beide bei Roubaix schon in den Top Ten waren. Maaskant kam 2008 zum Team, um Magnus Backstedt zu helfen, und wurde in jenem Jahr Vierter in Roubaix und Zwölfter in Flandern. „Magnus hat den ganzen Druck weggenommen“, erinnert er sich. „Niemand achtete auf mich, also konnte ich tun, was ich wollte. Es wird schwieriger, das jetzt noch mal zu machen.“ Er weiß, dass es schwer wird, in eine frühe Ausreißergruppe zu gehen oder die Kapitänsrolle zu beanspruchen, wenn Farrar, Hushovd und Haussler mit von der Partie sind. „Natürlich sind sie besser als ich“, sagt er lächelnd. Aber in der jüngeren Geschichte hat einer seiner Landsleute als Wildcard in der „Hölle des Nordens“ einen Sieg gefeiert: 2001 fuhr der Domo-Helfer Servais Knaven 15 Kilometer vor dem Ziel eine Attacke, als seine Kapitäne sich nicht aus der Gruppe der Favoriten lösen konnten.
Garmin-Cervélo-Sportdirektor Johnny Weltz glaubt, dass seine Formation bei Paris–Roubaix die Geheimwaffe gegen Fabian Cancellara ist. „Wir haben viele Aktivposten“, sagt er. „Wir können sehr gute Fahrer in die erste Ausreißergruppe schicken, und sie können die Führung lange behaupten. Wir können auf einen Sprint einer kleinen Gruppe im Velodrom warten. Wir werden nach dem Wald von Arenberg eine Entscheidung treffen. Wenn Cancellara keinen Teamkollegen im Feld hat und wir vier oder fünf Fahrer haben, können sie einen Gegenangriff auf ihn starten oder eine Attacke fahren.“ Und Vaughters fügt hinzu: „Manchmal wird unser größter Vorteil sein, dass wir alle verwirren können. Die anderen Teams wissen nie, für wen wir arbeiten.“
Weiterlesen? Den kompletten Artikel finden Sie in Procycling 04/2011 – ab 18. März an Ihrem Kiosk.
![]()
Weiterführende Links
![]()
Foto Jesse Wild
Icons Pinvoke




