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Dienstag, den 26. April 2011 um 16:47 Uhr 0 Kommentare
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Seitdem er wieder für ein belgisches Team fährt, gewinnt Philippe Gilbert wichtige Rennen mit einer Häufigkeit, dass er selbst seinen einst übergroßen Landsmann Tom Boonen in den Schatten stellt.

Philippe Gilbert und Adam Blythe kämpfen schon den ganzen Tag. Erst auf dem Rad und jetzt beim Abendessen. Die ganze Woche lang haben sie sich auf den mallorquinischen Straßen, auf denen es nur so wimmelt von Profis, die auf der Baleareninsel Winterkilometer abspulen, einen privaten Fight geliefert, wer hinter einem der Skoda-Begleitwagen des Teams die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht. Heute hat Gilbert die 117 km/h von Blythe auf 119 km/h hochgeschraubt. Nicht, dass der Engländer diese vorübergehende Niederlage akzeptieren würde: „Philippe ist die 119 bergab gefahren. Ich habe mein Tempo im Flachen erreicht“, sagt er grinsend. Nun sucht Blythe in einem Restaurant mit ansonsten gedämpfter Atmosphäre Vergeltung, indem er seinen Teamkapitän mit Brötchen bombardiert. Die lockere Reaktion des Belgiers sagt ebenso viel über den Status des 21 Jahre alten Blythe im Team wie über Gilbert selbst.

Fast jeder mag den neuen belgischen Vorzeige-Radsportler. Alles andere fällt auch schwer – nicht umsonst ist Gilbert zweimal von der International Association of Cycling Journalists zum Fahrer des Jahres gewählt worden, eine Auszeichnung, die nicht dem besten Fahrer des Jahres, sondern dem zugänglichsten und ansprechbarsten verliehen wird. „Philippe ist einfach ein netter Kerl“, sagt uns Blythe – ein scheinbar banales Lob, das er aber ernst zu meinen scheint. „Er hat mich letztes Jahr persönlich gebeten, die Flandern-Rundfahrt zu fahren, was ein sehr großes Privileg ist. Das Tolle an Philippe ist seine Bodenständigkeit. Er redet nie schlecht über andere.“

Es überrascht daher nicht, dass Belgien den 28 Jahre alten Radprofi aus Remouchamps, der Stadt am Fuß der Redoute, in den letzten Jahren so ins Herz geschlossen hat. In dieser Zeit hat Tom Boonen seine Geschwindigkeit in den Sprints und seine unangefochtene Überlegenheit bei den Klassikern verloren – schlimmer noch: mit zwei positiven Tests auf Kokain viel Ansehen. Unterdessen ist Gilbert zum ersten Mal in seiner Profi-Laufbahn zu einem belgischen Team „nach Hause“ gekommen und feiert Klassiker-Erfolge und Etappensiege bei großen Rundfahrten mit wachsender Regelmäßigkeit. Mehr noch, der Wallone holt diese Siege mit einem im Profi-Radsport selten gesehenen Schwung und Elan. Schon vor zwei Jahren stellten wir in einem Procycling-Feature fest, dass Gilbert Boonen in Belgien den Rang abgelaufen hat. Diese Aussage heute zu wiederholen, ist eigentlich überflüssig.

So überflüssig wie die Variationen einer Frage, die das gute Dutzend zum Trainingslager nach Mallorca gereister belgischer Radsportjournalisten Gilbert immer wieder stellt: Wohin, oder besser gesagt, wie weit kann er gehen? Die Spekulationen gehen weiter, ob ihm oder Fabian Cancellara eines Tages der Durchmarsch bei den Eintages-Monumenten Mailand–San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris–Roubaix, Lüttich–Bastogne–Lüttich und Lombardei-Rundfahrt gelingt, aber dazu wird Gilbert weiter mit den Schultern zucken. Auf Mallorca beantwortet er eine spezifischere Frage nach Cancellaras Potenzial bei Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt, die Gilbert seit 2009 dominiert, mit demselben ratlosen Gesichtsausdruck. „Ehrlich gesagt bin ich nicht viel mit ihm gefahren. Ich weiß nicht, ob er auf einem so hügeligen Kurs gut wäre“, sagt er.

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Ein fruchtbarerer Ansatz ist also, nicht herauszufinden, wo Gilbert hin will, sondern wie er hierhin gekommen ist. Schließlich vergisst man leicht, dass sich noch vor zwei Jahren viele Beobachter fragten, ob er sein Potenzial je in große Siege würde verwandeln können. Und dass die beiden großen belgischen Rennställe, die heute unter den Namen Omega Pharma – Lotto und Quick-Step firmieren, sich ihn 2002 durch die Lappen gehen ließen, als er seinem „Go Pass“-Amateurteam und der belgischen Amateurszene entwuchs.

„Lotto hatte irgendwie Interesse, aber nicht wirklich, und ich war auch unentschlossen, vielleicht, weil sie nicht so erpicht auf mich waren“, sagt er im Gespräch mit Procycling in der Bar des Barcelo Pueblo Park-Hotels. Bei einem alkoholfreien Aperitif machen wir eine Reise in die Vergangenheit – die viel langsamer und überlegter ist als sein verrücktes Rennen mit Adam Blythe. „In Frankreich dagegen wollten La Française des Jeux und Crédit Agricole mich wirklich, weil ich einige gute Resultate bei französischen Amateurteams geholt hatte“, erzählt Gilbert weiter. „Also habe ich in Bordeaux einen Fitnesstest für Crédit Agricole gemacht, und [FdJ-Boss] Marc Madiot hat mich zweimal zu Hause besucht, was schließlich den Ausschlag gab – und dazu die Tatsache, dass er viel Erfahrung mit jungen Fahrern hatte und damals viele junge Fahrer im Team fuhren. Ich dachte, dass mir der Übergang auf diese Weise leichter fallen würde – weil es ähnlich wäre, wie in einem sehr starken Amateurteam zu fahren. Es war wie eine Familie.“

Auch wenn die „Emigration“ nach Frankreich eine merkwürdige Entscheidung war, war sie eigentlich nicht verwunderlich. Schon als Kind hatte Gilbert seinen eigenen Kopf. Als Schüler schwänzte er im April den Unterricht, um sich das Finale des Flèche Wallonne auf der Mur de Huy anzuschauen oder um hinter den Profis herzufahren, die den Kurs von Lüttich unter die Lupe nahmen. Beim Wechsel vom Junioren- ins Amateurlager ging er auch den beiden größten Talentschmieden Belgiens aus dem Weg und entschied sich für das kleinere und weniger prominent besetzte Team ABX Go Pass. Dort fuhr er unter den Fittichen des 1992er-Lüttich-Siegers Dirk De Wolf, der 2009 auf Wunsch von Gilbert von Omega Pharma als Sportdirektor rekrutiert wurde.

„In der Zeit dominierte eine unglaublich starke Gruppe das belgische Amateurteam Domo Latexco“, erinnert sich De Wolf. „Innerhalb von zwei Jahren hatte Domo Latexco Fahrer wie Gert Steegmans, Nick Nuyens, Johan Vansummeren, Jurgen Van Den Broeck und Dimitri Murayev. Damals war Philippe in meinem Team und fuhr seine Rennen alleine. Er war talentiert, ja, aber auch ein Kämpfer, sonst hätte er es nicht geschafft.“

2002 war es für Gilbert an der Zeit, Go Pass hinter sich zu lassen. Nachdem Marc Madiot sich über den Belgier informiert und sich ausführlich mit ihm unterhalten hatte, hatte er nur einen Zweifel: Gilberts Vita war durch einen positiven Test vom U23-Rennen Côte Picardie befleckt. Oder, wie sich herausstellte, durch ein Missverständnis, das mit Gilberts Entlastung endete. „Ich hatte damals einfach Angst wegen dieses positiven Tests“, sagte Madiot vor Kurzem. „Es war eine blöde Kleinigkeit, aber er hatte das Attest für ein Medikament, das er nahm, vergessen. Sein guter Glaube und die Tests zeigten, dass er nicht betrogen hatte, und wenn ich jetzt daran denke, wo ich seine anschließende Entwicklung gesehen habe – wenn es einen Fahrer gibt, der ruhig schlafen kann, wenn es darum geht, clean zu sein, dann Philippe.“

Die Jahre, die Gilbert daraufhin unter Madiot verbrachte, waren mehr als Lehrjahre – sie waren seine Entstehung. Es ist schwer zu sagen, wie sich seine Karriere anderswo entwickelt hätte, aber das langsame und nachhaltige Wachstum bei Française des Jeux sorgte dafür, dass Gilbert 2009 mit einer Einstellung zu Silence-Lotto kam, die so ganz anderes war als die, in die Boonen mit Ende 20 hineinstolperte.

Vor allem sah Gilbert bei FdJ, dass sich zwei verschiedene Wege vor ihm auftaten. Der eine war der ausgetretene Pfad, den immer mehr französische Profis gegangen waren – den des Grolls, der Paranoia und des Unvermögens zu erkennen, dass ausländische Fahrer zwar vielleicht betrogen, dies aber keine billige Entschuldigung dafür war, aufzugeben. Mit einer gewissen Zuneigung erinnerte sich ein anderer „Überlebender“ jener Zeit bei FdJ, Bernhard Eisel, vor Kurzem an sein erstes gemeinsames Trainingslager mit Gilbert bei dem Team. „Ich hatte ein Zimmer mit Jacky Durand, aber ich habe ihn kaum zu Gesicht bekommen“, sagte Eisel lachend. „Wenn ich ins Bett ging, war er noch unterwegs, und wenn ich wach wurde, war er schon wieder weg!“

Hinter den netten Anekdoten verbarg sich jedoch die ernüchternde Erkenntnis, dass – wie Eisel sehen konnte – Frankreich „der Zeit weit hinterher war. Sie brauchten Jahre – Jahre! –, um ihre Einstellung zum Material und zum Training zu ändern“, sagte der Österreicher. „Jetzt haben sie es endlich verstanden.“

Der andere Weg war der, den Gilbert, Eisel und einige andere schließlich einschlugen, nämlich das Beste aus einer schlechten Situation zu machen. Als sein eloquenter Teammanager die Ungerechtigkeit des „cyclisme à deux vitesses“ (Radsports der zwei Geschwindigkeiten) anprangerte, stieß Gilbert oft ins selbe Horn. Meistens jedoch konzentrierte er sich darauf, diese Ungerechtigkeit mit seinem Hunger und seinem Talent zu überwinden. In seiner ersten vollen Profi-Saison wurde er Zweiter beim bretonischen Pendant zu Paris–Roubaix, dem Tro Bro Leon. Er begann sein zweites Jahr mit einem Etappensieg bei der Tour Down Under und beendete es mit dem Gesamtsieg bei Paris–Corrèze. 2005 schlug er wieder früh zu – auf der 2. Etappe der Mittelmeer-Rundfahrt – und holte dann weitere Siege bei der Trophée des Grimpeurs, in Lens bei den Vier Tagen von Dünkirchen und beim Polynormande.

Weiterlesen? Die gesamte Story finden Sie in Procycling 05/2011 – ab 29. April an Ihrem Kiosk.


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Schlagwörter: Ardennenklassiker, Eintagesrennen, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Philippe Gilbert
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