
Seit zehn Jahren hatten die Stars der Klassiker nicht so zu kämpfen wie in diesem Frühjahr bei der Flandern-Rundfahrt und Paris – Roubaix. Procycling analysiert die Gründe für ihr Scheitern.
Zunächst schien alles logisch: Der flämische Radsport eroberte die Kopfsteinpflaster-Monumente mit Nick Nuyens bei der Flandern-Rundfahrt und Johan Vansummeren bei Paris – Roubaix, wo die Klassiker-Armada von Garmin-Cervélo ihrem Ruf gerecht wurde. Doch es gab ein Problem: Die Favoriten – Fabian Cancellara, Tom Boonen und Thor Hushovd – gingen komplett unter. Bisher wurden die beiden geheiligten flämischen Klassiker erst einmal von Außenseitern gewonnen – nämlich 2001, als Gianluca Bortolami bei der Ronde die Ausreißer schlug und Servais Knaven ein extrem schmuddeliges Roubaix vor seinen Kapitänen Johan Museeuw und Romãns Vainšteins gewann.
Mehr als sonst fachten die Klassiker die Stammtischdebatten an. Jeder hat eine andere Meinung, warum die Favoriten verloren haben. Stand Cancellara zu sehr unter Beobachtung, oder war er einfach nicht stark genug für Flandern? Welche Zeitung aus welchem Land hat recht – die belgischen Tageszeitungen, die Chavanels Zögern beim Sprint in Flandern kritisieren, oder die französischen, die bedauern, dass er so wenig Freiheit hatte? War die Strategie von Garmin in Roubaix ein genialer Schachzug oder reines Chaos mit glücklichem Ausgang?
Wie ist eine so ungewöhnliche Klassiker-Saison zu erklären? Pech spielte eine große Rolle, wie bei Mailand – San Remo, wo ein Massensturz das Peloton dezimierte. Auch das warme Wetter beeinflusste das Ergebnis von Flandern. Ausschlaggebend sind jedoch zweifellos das Taktieren und die Rivalitäten, die sich so zuspitzten, dass die Teams der Sieger von denen der Favoriten beschuldigt wurden, „Anti-Rennen“ gefahren zu sein.

Verschwörungstheorie
Hat Cancellara nur verloren, weil die Fahrer sich gegen ihn verbündet haben?
Bei den FrühjahrsKlassikern 2010 schon erschreckend stark, hat Cancellara in diesem Jahr offensichtlich einen Fehler gemacht, als er beim E3 Harelbeke seine Power demonstrierte: 40 Kilometer vor dem Ziel hatte er zwei Minuten Rückstand auf die Führenden, schloss aber zu ihnen auf und setzte dann eine Attacke. Er gewann mit einer Minute Vorsprung. Acht Tage später bei der Flandern-Rundfahrt weigerten sich Chavanel und Nuyens auf dem letzten Kilometer, sich mit ihm abzuwechseln, und Hushovd und Alessandro Ballan streikten bei Paris – Roubaix ebenfalls. Bei beiden Rennen musste Cancellara allein von vorne fahren. Der Schweizer ist seit der Weltmeisterschaft in Mendrisio 2009 der Mann, den es zu schlagen gilt. Auch in diesem Jahr sagte Philippe Gilbert vor den Klassikern, dass die Fahrer „clever sein und sich [gegen ihn] zusammentun müssen“.
Bernard Hinault glaubte jedoch nicht, dass der haushohe Favorit nur aufgrund dieser Koalition verloren hat. „Wenn du vor 30 oder 40 Jahren Eddy Merckx warst, hattest du alle an deinem Hinterrad kleben und musstest damit klarkommen. Wenn du wirklich der Stärkste warst, dann bist du vorn gefahren.“ Mit anderen Worten: Cancellara hätte keine andere Wahl gehabt, als früher oder härter zu attackieren oder beides. Aber hatte er die Beine und die Team-Unterstützung dafür? Flavio Becca, Geldgeber des Teams Leopard – Trek, vertraute dem früheren Sieger Francesco Moser an, dass sein Team solide Flandern-Experten vom Schlage eines Bernhard Eisel (HTC) oder Marcus Burghardt (BMC) verpflichten müsse.
Cancellara beklagte sich sehr über die Abwarte-Taktik seiner Rivalen. Im Velodrom von Roubaix seufzte er: „Wenn ich auf einen Kaffee angehalten hätte, hätten sie auch angehalten, sie hingen nur an meinem Hinterrad.“ Doch war eine derartig träge Taktik wirklich „Anti-Radsport“? Oder im Gegenteil die Essenz des Radsports in seiner gewieftesten Form? Zwei Wochen später wandten die Schleck-Brüder, Cancellaras Teamgefährten, keine solche Taktik an. Sie begleiteten Gilbert in Lüttich nobel zu einem Drei-Mann-Sprint – und verloren.
Rivalitäten im Peloton
Wie groß waren die Spannungen zwischen den Favoriten?
Echter Hass flammte bei den flämischen Kämpfen auf. Es begann mit einer Auffrischung der verbalen Gewalt zwischen Gilbert und Pozzato. Ersterer sagte: „Da er gerne fährt, damit der Favorit verliert, wird er sich auf Cancellara konzentrieren.“ Der Italiener antwortete durch die Medien: „Wenn er mir weiter auf den Sack geht, dann lasse ich ihn nicht in Ruhe.“ Die in Monaco lebenden Rennfahrer gerieten zum ersten Mal 2007 aneinander, und Pozzatos Gegenangriff auf Gilbert beim diesjährigen Mailand – San Remo goss zusätzliches Öl ins Feuer.
Dann beschuldigte Cancellara alle seine Rivalen. „Ich habe verloren, aber erhobenen Hauptes“, sagte er gegenüber L’Equipe vier Tage nach Flandern. „Das können Boonen, Ballan und Chavanel nicht von sich behaupten.“ Zu Boonen merkte er an: „Er hat offensichtlich eine Krise.“ Cancellara rief den Belgier danach an und glättete die Wogen, sagte, es habe Übersetzungsprobleme bei seinem Interview gegeben, aber die Spannungen waren so spürbar, dass sie bis Roubaix nicht verschwanden. De facto gingen die flämischen Klassiker ohne echte Allianzen zwischen den Favoriten über die Bühne. Alle wollten sich nur gegenseitig besiegen und fanden nicht die notwendige Unterstützung. Nur die Außenseiter konnten zusammenarbeiten.
Team-Strategie
Was war Garmins wirkliche Taktik?
Thor Hushovds Nachbetrachtung in der norwegischen Presse war deutlich: „Ich glaube, es sollte vor dem Start eine klare Strategie geben und nicht eine nach dem Motto ,wir fahren für denjenigen, der an dem Tag am besten drauf ist‘.“ Hushovd war Garmin-Cervélo-Kapitän für die flämischen Klassiker, doch die Organisation seines Teams war verwirrend – vor allem am Ende von Roubaix. Jonathan Vaughters wies den Weltmeister verständlicherweise an, Vansummeren, seinen Teamkollegen, der in die Ausreißergruppe geschickt worden war, nicht zu jagen. Aber dann, als die Verfolger die Garmin-Fahrer Rasch und Vanmarcke gestellt hatten, forderte der Teammanager seine Truppen auf, in der Gruppe zu arbeiten.
Theoretisch gaben sie sowohl Hushovd als auch Vansummeren eine Chance, wenn er nach dem Carrefour de l’Arbre immer noch vorn war – was er war. Also wollte Garmin nur den Abstand zwischen „Summie“ und Hushovds Gruppe reduzieren. Aber diese Taktik hätte nach hinten losgehen können, wenn Cancellara es geschafft hätte, die Lücke zum Führenden alleine zuzufahren. Hushovds Einstellung wurde von einigen als respektlos und von anderen als sehr altruistisch bezeichnet. Gleichzeitig wurden Garmins Pläne sowohl als Erfolg des Teams wie auch als glücklicher Sieg eines verdienten Domestique de luxe gelobt.
Die Team-Kommunikation war in Flandern noch schlechter, weil die Fahrer angewiesen wurden, sowohl zu führen als auch im Feld nichts zu machen. Ein Problem ist, dass Vaughters, der den Funkkontakt hielt, heute eher als ein Geschäftsführer agiert statt als ein Teamchef, der seine Athleten genau im Blick behält und in sportlichen Belangen das Sagen hat. (Text: Pierre Carrey)
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Fabian Cancellara
Team Garmin-Cervélo
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