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Das Rennen gegen die Zeit (PC 9/11)

Mittwoch, den 10. August 2011 um 11:09 Uhr 0 Kommentare
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Cadel Evans hat seinem Alter zum Trotz mit 34 Jahren als erster Australier die Tour de France gewonnen. Das Rennen seines Lebens kehrte seit Langem herrschende Trends um und faszinierte Millionen Zuschauer.

Das Bild an sich war bemerkenswert und die Parallele umso mehr: In einer Spanne von sechs Jahren gingen der Däne Michael Rasmussen und der Franzose Thomas Voeckler – mit einem Podiumsplatz im Visier – in ein abschließendes Zeitfahren der Tour de France und beendeten es mitten auf einer befahrenen Autobahn. Wie oder warum sie dort hingekommen sind, schien niemand und am allerwenigsten Rasmussen oder Voeckler zu wissen. In beiden Fällen zählte nur, dass keiner der beiden Männer sein Ziel eines Top-Drei-Platzes in Paris erreichte.

Vieles hat sich seit 2005 geändert. Die Tour de France in jenem Jahr war die letzte, die Lance Armstrong gewann, die letzte, die Jan Ullrich fuhr, und die erste für Cadel Evans. Die Schleck-Brüder Frank und Andy waren gerade luxemburgische Meister geworden, wobei Andys Sieg im Zeitfahren der erste seiner Profikarriere war. Frankreich erkannte gerade, was Thomas Voeckler ein Jahr zuvor schon gewusst hatte: dass er – ungeachtet des Gelben Trikots – nie die Tour gewinnen würde. Und Liberty-Boss Manolo Saiz erlebte, wie ein Tour-Debütant namens Alberto Contador Paris auf dem 31. Platz erreichte, und sagte gegenüber Procycling, dass Contador die Grande Boucle 2007 gewinnen würde. Was er dann auch tat.

So sehr die Tour 2011 wie eine Retro-Tour wirkte, sie war auch ein Rennen, das so viele eingeschliffene Muster, so viele überlieferte Vorstellungen infrage stellte, dass sie oft wie das Jahr Null wirkte. Contadors Unangreifbarkeit, Andy Schlecks Position als Nächster in der Reihe, der Anfang von Evans Niedergang, die Unfähigkeit der Gastgeber, um die größten Preise mitzufahren – am Ende dieser drei Wochen gab es kaum eine Säule überlieferter Weisheiten, die noch stand. Außer natürlich Mark Cavendishs Dominanz im Sprint, ohne die es sich vielleicht überhaupt nicht wie eine Tour angefühlt hätte.

Am Ende, beim Todeskampf der beiden Poulidors ihrer Generation, triumphierte Evans über Schleck. Noch eine weitere universelle Wahrheit wurde untergraben: Der erste australische Sieger war der am wenigsten stereotype Australier, den man sich vorstellen kann – ein eigenartiger, sensibler „Europhiler“, der sich mit Belgiern, Schweizern, Italienern und Amerikanern umgibt. Mit 34 war er auch der älteste Champion seit dem Zweiten Weltkrieg. „Ich weiß nicht, ob er die Tour de France noch einmal gewinnt“, sagte der Ex-Profi Jean-François Bernard. Aber wen interessiert das jetzt? Nicht Evans, der auf seiner abschließenden Pressekonferenz unter Tränen verriet, der letzte Wunsch seines verstorbenen italienischen Trainers Aldo Sassi sei gewesen, dass er eine große Rundfahrt gewinnt – und hoffentlich die Tour de France, weil die am meisten Prestige habe. „Wenn du das schaffst, bist du der kompletteste Fahrer deiner Generation“, sagte Sassi dem früheren Mountainbiker, den er und der Mapei-Besitzer Giorgio Squinzi an einem Herbsttag im Jahr 2001 im dritten Stock ihres Büros in Mailand für eine Karriere auf der Straße unter Vertrag genommen hatten.

Hatte Sassi Recht? Kann Evans jetzt als vielseitigster Champion seiner Ära gelten? Die Tatsache, dass er als einziger Fahrer im aktuellen Peloton sowohl eine große Landesrundfahrt als auch die Straßen-WM gewonnen hat, ist ein überzeugendes Argument. „Aldo war sich sicher, sobald er Cadel 2001 kennenlernte, und bei Tests mit ihm stellte er fest, dass er ein Phänomen ist“, erinnert sich BMC-Arzt Massimo Testa, ein früherer Kollege von Sassi bei Mapei. „Aldo sagte: ‚Lass mich mit diesem Jungen arbeiten, und ich mache einen Champion aus ihm.‘ Es vergingen fast zehn Jahre harter Arbeit, dann verstarb Sassi im letzten Winter. Doch er hatte recht: Cadel hatte als Teenager nicht nur Weltklasse-Mountainbike-Rennen gewonnen, er hatte sie komplett dominiert …

Natürlich gehörte dazu mehr als Evans’ außergewöhnliche Physis. „Es ist schön, hin und wieder ein bisschen Glück zu haben“, sagte er während der Tour mehrere Male unter Anspielung auf sein Verletzungspech bei den Frankreich-Rundfahrten 2008 und 2010. Es gehörte auch mehr als Glück dazu, wobei Evans und BMC ihr Glück in den ersten zehn Tagen selbst machten. So viel zu investieren, um ihren Kapitän in den ersten anderthalb Wochen aus Problemen herauszuhalten, war ein Lotteriespiel, aber es zahlte sich aus. „Ja, wir wurden kritisiert, weil wir uns so oft an die Spitze gesetzt haben, aber wir haben unser Ziel erreicht: Cadel aus allem herauszuhalten“, sagte uns eines der menschlichen Schutzschilde bei BMC, Manuel Quinziato, nachdem Evans beim Zeitfahren in Grenoble seinen Gesamtsieg perfekt gemacht hatte. Für Quinziato, Markus Burghardt, Michael Schär und in gewissem Maße für George Hincapie waren die Ausläufer der Pyrenäen ihre Champs Élysées. „Wir sind Klassikerspezialisten, und bis dahin war alles ein Mini-Klassiker“, sagte Quinziato. „In der Vergangenheit hatte Cadel oft einen schlechten Tag. Niemand konnte wissen, dass er in diesem Jahr keinen hatte, obwohl seine Teamkollegen in den ersten zehn Tagen härter gearbeitet haben und er weniger nervliche und physische Energie verbraucht hat“, fügte Testa hinzu.

Zeichen dafür gab es schon am zweiten Tag, als BMC auf den zweiten Platz im Mannschaftszeitfahren in Les Essarts stürmte. Im Teambus umarmte Evans abends alle seine Teamkollegen, um sich für ihre Leistung zu bedanken. „Ich war noch nie in einem solchen Team, Jungs“, freute er sich. Schon im Umgang mit seinen Fußsoldaten, wenn nicht mit den Medien, war Evans ganz anders und viel entspannter als der Evans, über den sein früherer Zimmergenosse bei Silence-Lotto, Mario Aerts, Anfang des Jahres sagte: „Bei der Tour mit ihm zusammenzuwohnen, hat mich nervös gemacht. Ich hatte Angst, dass, wenn ich das Rennen erwähne, er die ganze Nacht wach liegt und darüber nachdenkt.“

Ein Etappensieg, Evans’ einziger, folgte 24 Stunden später auf der Mûr de Bretagne, und die nächste Woche verlief ohne Störungen. Zwischen den Vulkanen der Auvergne in Super-Besse setzte BMC vor dem Schlussanstieg zu einer furiosen Aufholjagd an – mit dem einzigen kurzfristigen Ziel, Evans für ein paar Tage ins Gelbe Trikot zu bringen. Viele, darunter auch wir, machten sich darüber lustig. Wir lagen falsch. Das zehntätige Lotteriespiel zahlte sich aus.

In den Pyrenäen lief Evans zu einer hartnäckigen Höchstform auf. „Ich bin überzeugt, dass Evans in Bestform so gut wie Contador ist“, hatte Sassi 2010 gesagt. Aber ausnahmsweise einmal wirkte der Spanier in den Bergen wie ein Normalsterblicher, nachdem er bereits vier Minuten bei Stürzen und im Mannschaftszeitfahren verplempert und zu viel wertvolle Energie beim Giro gelassen hatte. Am Hinterrad zu bleiben, war nie ein Problem für den Australier gewesen, und jetzt gab es niemanden mit dieser Art von Düsentrieb-Beschleunigungen, der seinen Dieselmotor durcheinanderbrachte. Das wurde deutlich bei den zunehmend verzweifelten Versuchen der Schleck-Brüder, das neue Maillot Jaune, Thomas Voeckler, aus dem Rhythmus zu bringen. „Die Schlecks beschleunigen 100 Meter, aber nicht schnell, und das spielt Voeckler genau in die Karten, weil das genau die Art von Leistung ist, die er als Nicht-Klassementfahrer zu bringen gewohnt ist“, bemerkte Cyrille Guimard, der als Sportlicher Leiter auf sieben Toursiege zurückblicken kann.

Der Kontrast zwischen Voeckler und den Schlecks war offensichtlich: Je geringer der Unterschied in ihren Fähigkeiten wirkte, umso unterschiedlicher war die Größe ihrer jeweiligen Erwartungen, und das merkte man an allem, was sie taten. Mit jeder Attacke, die vereitelt wurde, jedem wütenden Zucken von Andys Halsmuskulatur, wuchs die Spannung im Leopard-Trek-Lager. Im Peloton waren die Schlecks reizbar und empfindlich. In einer Verpflegungszone musste sich der Team-Sky-Fahrer Ben Swift an der Spitze des Feldes scharfe Kritik wegen „Fahrens in der Verpflegungszone“ anhören. Aber dieses Mal gab Swift ordentlich Contra – er hatte nicht vergessen, dass Andy ihn schon einmal nach einem Crash bei der Großbritannien-Rundfahrt 2006 mit einem ähnlichen Wortschwall beschimpft hatte. Die Schlecks liefen Gefahr, die Gunst zu verspielen, mit der sie in die Tour gestartet waren – inmitten der Pfiffe für Contador bei der Team-Präsentation in der Vendée. Der Eindruck war der einer gefühlten Berechtigung, eines Anspruchs ähnlich dem, den ihr Teamkollege Fabian Cancellara im vorigen Jahr in Spa an den Tag gelegt hatte, als „Spartacus“ Gewerkschaftler geworden war, um das Rennen nach Andys Crash auf der Abfahrt von der Côte de Stockeu neutralisieren zu lassen. Das war ein weiterer roter Faden: die Abneigung gegen Abfahrten, vor allem im Regen. Die 69 Sekunden, die Schleck auf der 16. Etappe vom Col de Manse hinunter nach Gap verlor, kosteten ihn fast die Tour. Sein Jammern – „die Leute wollen kein Rennen, das bergab entschieden wird“ – kostete ihn außerdem einige Fans. Was Evans erkannt hatte, aber die Schlecks erst begriffen, als sie den Izoard erreichten, war, dass die Namen und die Dopingkontrollen nicht das Einzige sind, was sich seit 2005 geändert hat. Die Retro-Tour hat schließlich, Gott sei Dank, das Rennen und seine Protagonisten aus dem tranceartigen Zustand aufgeweckt, der mit Miguel Indurain Anfang der 90er begann und mit Armstrong neue Tiefen der Anästhesie erreichte, die so weit gingen, dass wir alle vergessen haben, dass es auch anders sein kann. Teils dank Voeckler, aber auch dank Contador und eines brillanten Parcours war die Tour wieder ein Rennen geworden. Ein Sport, ein Spiel mit Elementen wie Geschick, Courage, Intelligenz und Beweglichkeit – das genaue Gegenteil eines Leistungstests im Labor, das einige Fahrer immer noch erwarten oder bevorzugen würden.

Weiterlesen? Den vollständigen Artikel sowie zahlreiche weitere Geschichten rund um die Tour de France finden Sie in unserem großen Rückblick. Procycling 09/2011 – ab 12. August an Ihrem Kiosk.

Foto-Copyrights Foto Tim de Waele

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Schlagwörter: Cadel Evans, Procycling 9/11, Rückblick, Tour de France
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