
Mit einer maximalen Steigung von 22 Prozent hat das Kitzbüheler Horn in Österreich das Zeug zur größten Herausforderung für Radsportler.
Wenn je ein Berg einen Mann in den Wahnsinn getrieben hat, dann das Kitzbüheler Horn – und das hat nichts mit dem Namen zu tun. Lange bevor die heutige Straße auf den Gipfel gebaut war und bevor Radsportler je das Unglück hatten, ihn zu erklimmen, betrachtete der österreichische Journalist Daniel Spitzer anno 1877 das Horn von Kitzbühel vom Tal aus und fühlte sich an die Zwillingsgipfel eines weiblichen Dekolletés erinnert. „Von der Stadt aus betrachtet, bilden sie zwei runde Hügel, die dem Busen einer Frau ähneln“, bemerkte er.
Spitzer hatte halb recht: Das Kitzbüheler Horn sah und sieht immer noch aus wie eine Brust. Wo er die andere gesehen hat, ist allerdings schwer zu sagen. Das heißt, wenn er nicht auf den kleinen Höhenrücken unterhalb des Gipfels schaute und darin die Umrisse eines verrutschten Silikonimplantats sah.
Man könnte sagen, dass der Bau einer 10,2 Kilometer langen und 12,53 Prozent steilen Straße auf den Gipfel ein großer Fehler oder zumindest ein schlechter Scherz war. „Einer der schwersten Radsport-Anstiege in Österreich“, wie die Tourismusbehörde verkündet – und das will angesichts der gebirgigen Topographie des Landes etwas heißen –, kann das Horn auch über Österreich hinaus als schwerster Anstieg gelten. Schwerer als die drei Wege auf den Monte Zoncolan, steiler als der Fedaia oder der Monte Grappa, der Angliru oder der Mortirolo.
Jeder, der etwas davon versteht, hat seine eigene ausgeklügelte Formel, um die Schwierigkeit eines Anstiegs zu berechnen, in welcher Steilheit, Länge und jede Menge andere Faktoren eine Rolle spielen. Und alle sind sich einig: Das Kitzbüheler Horn ist schwerer als jeder andere bekanntere Anstieg, der als brutalster in Europa oder gar der Welt gehandelt wird.
Es gibt auch die subjektiven Schilderungen von Leuten, deren Meinung etwas zählt. Der Amerikaner Ted King fuhr das Horn bei der Österreich-Rundfahrt und nannte es „den schwersten Anstieg, den ich je gefahren bin – eine Wand“. Der Schweizer Beat Breu gewann das jährliche Rennen auf den Gipfel, von dem später noch die Rede sein wird, jedes Jahr von 1981 und 1990. Trotzdem sagte er immer noch über seinen ersten Erfolg: „Das Leiden war abartig. Unzählige Male habe ich mich gefragt, warum ich mir das antue.“ Im gleichen Jahr nannte der österreichische Profi Erich Jagsch den Schlussabschnitt des Horns „mörderisch“.
Die Schwierigkeit des Anstiegs ist nicht das einzige, was das Horn auszeichnet. Einer der führenden österreichischen Profis in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts, Bernhard Eisel, unterstrich, dass das nur eine seiner vielen Herausforderungen sei.
„Der ganze Weg nach oben ist komplett ungeschützt“, bemerkte Eisel, der den Berg bei der Österreich-Rundfahrt zweimal in Angriff nahm, 2011. „Es gibt keinerlei Schatten oder Schutz. Das ist ein Killer. Es geht schwer los und wird dann immer schlimmer – bis nach oben. Der Großglockner ist immer noch der Anstieg für die Österreicher, aber das Kitzbüheler Horn ist viel schwerer und steiler. Auf dem Großglockner kann man in den Kurven ein bisschen durchatmen, aber nicht auf dem Kitzbüheler Horn. Es ist einfach schrecklich.“
Ein anderer bekannter österreichischer Radrennfahrer, Georg Totschnig, hat das Kitzbüheler Horn wahrscheinlich unterschätzt, als er es das „österreichische Alpe d’Huez“ nannte. Es stimmt zwar, dass das Horn sieben Kurven mehr als die Alpe mit ihren 21 Spitzkehren hat. Aber Eisels Bemerkung – dass sie hier keine Verschnaufpausen bieten – war ebenso treffend. Als der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong in seiner Heimatstadt Austin/Texas ein Fahrradgeschäft mit Café eröffnete, nannte er den stärksten Kaffee im Angebot „Kitz“, nach – dreimal dürfen Sie raten – dem Kitzbüheler Horn.
Seit seiner Erstauflage 1971 hat das jährliche Rennen aus der Stadt Kitzbühel hoch zum Alpenhaus, acht Kilomter nach dem Beginn des Anstiegs, den Ruf des Horns bestätigt, fast ohne die Beachtung der internationalen Medien. Beim ersten Rennen, 1971, tat sich der erste „König“ des Horns hervor, Wolfgang Steinmayr. Er gewann die ersten vier Auflagen des Haupt-rennens zum Alpenhaus und 1974 auch das 2,5 Kilometer lange Einzelzeitfahren am Vortag vom Alpenhaus zum Fuß des 102 Meter hohen Fernsehturms auf dem Gipfel. Im Vorjahr hätte er das Zeitfahren fast gewonnen, obwohl ihm die Kette absprang und er in einer der steilsten Kurven stürzte. Das veranlasste die österreichische Presse zu Spekulationen, dass ein Fahrer, der im Ausland fast völlig unbekannt war, der „beste Kletterer der Welt“ sein könnte. Die Schweizer Legende Ferdi Kübler nannte Steinmayr „ein Phänomen“.
Zwei Jahre später ließ sich der prominente Kletterer Lucien Van Impe von einer Gage von 30.000 Schilling und der Aussicht auf einen Kampf der Titanen hinreißen, in Kitzbühel an den Start zu gehen. Oder besser ein Kampf zwischen drei Titanen: Van Impe (der sich zwei Wochen zuvor gerade zum dritten Mal zum Bergkönig der Tour de France gekrönt hatte), Lokalmatador Steinmayr und das Monster selbst – das Horn.
Steinmayr fühlte sich nie besser aufgelegt. Mit einem 7,4 Kilo leichten Superbike, das eigens für diesen Zweck gebaut worden war, hatte er in seiner letzten Trainings-Session seinen Rekord aus dem Vorjahr, 31:17 Minuten, um 7 Sekunden verbessert. Er dachte, er könne „noch einmal zwei Minuten rausholen“. Aber seine gewählte Übersetzung war ehrgeizig, einige würden sagen, gewagt: 39 x 22. Doch warum sollte er nicht mutig sein? War er nicht schließlich im Begriff, sich als bester Kletterer der Welt, als wahrer Monarch der Berge, zu erweisen?
Die kurze Antwort ist: Nein, das war er nicht. Zermürbt durch Van Impes dauernde Attacken, tat Steinmayr nach sechs Kilometern, als der Belgier noch in Sicht war, aber nur noch gerade so eben, das Undenkbare und stieg vom Rad, um Luft zu holen. Die Übersetzung, die er aufgelegt hatte, war einfach zu groß – zumindest für einen so steilen Berg wie das Horn – und gab ihm den Rest.
„Schon in der ersten Kurve habe ich gesehen, dass er diesen Gang nicht treten kann“, sagte Van Impe später, nachdem er mit mehr als sieben Minuten Vorsprung gewonnen und Steinmayrs Bestzeit auf 30:03 verkürzt hatte. Van Impe fügte hinzu, dass nur der größte Radsportler aller Zeiten, der Belgier Eddy Merckx, mit solchen Gängen geklettert war wie Steinmayr. Van Impe unterstrich seine Überlegenheit dann noch, indem er Steinmayr beim Zeitfahren auf den Gipfel mit mehr als einer Minute Differenz schlug.
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Foto Tim de Waele
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