
Als Miguel Indurain 1996 aus der Vuelta a España ausstieg, war dies gleichzeitig das Ende seiner Karriere. Procycling erinnert an den dramatischen Einbruch des großen Rundfahrers.
Unipublic, Eigentümerin des Giftbechers, den die Vuelta a España darstellte, hatte schließlich den Mann ihrer Träume. Miguel Indurain, Spaniens größter Sportler aller Zeiten, sollte seine Heimatrundfahrt bestreiten. Es war 1995.
Zu sagen, dass Indurain in seinem Land nur verehrt wurde, wäre eine grobe Untertreibung der spanischen Gefühlslage. Ein halbes Jahrzehnt lang versetzten die stillen Wunder, die er auf dem Rad vollbrachte, seine Landsleute in Ehrfurcht. Fünfmal hatte er auf den Champs Elysées ganz oben auf dem Podium gestanden, zweimal beim Giro d’Italia, und er hatte einen Haufen Siege bei praktisch jedem nennenswerten Etappenrennen auf dem Planeten gefeiert. Obendrein gab es den Stundenweltrekord, eine olympische Goldmedaille, die spanische Meisterschaft und die Weltmeisterschaft sowie eine denkwürdige Vorstellung bei der Clásica San Sebastián.
Das Geheimnis lag, wie immer bei Ausdauersportarten auf allerhöchstem Niveau, in Indurains ungewöhnlicher Physis. 1,88 Meter groß und 80 Kilo schwer, war er gegen die Uhr unglaublich stark. Als perfekter Zeitfahrer wirkte der Spanier, als habe er einen eigens konstruierten, maßgeschneiderten Körper, um einen großen Gang mit verblüffender, nie da gewesener Geschwindigkeit zu treten. Niemand kam an ihn heran. Doch das eigentliche Wunder von „Miguelón“ lag nicht in der Frequenz, mit der er seine 54 x 12-Übersetzung trat. Sein Geheimnis, seine wahre Größe als Radrennfahrer, war, dass er in den Bergen mit den Besten der Welt, die alle mindestens zehn Kilo leichter waren als er, mithalten konnte – und sie manchmal sogar schlug.
Die meisten verglichen Indurains modus operandi mit dem von Jacques Anquetil, dem ersten fünffachen Tour-de-France-Sieger. Drei Jahrzehnte zuvor hatte der Normanne, der selbst ein überragender Zeitfahrer war, den perfekten Schlachtplan für die Tour de France entwickelt. Indem er seine Gegner gegen die Uhr distanzierte, fuhr er genug Zeit heraus, um in den Pyrenäen nur am Hinterrad seiner Rivalen bleiben zu müssen, und das war es dann schon. Auch Anquetil war im Prinzip ein defensiver Kletterer, wog aber in seiner besten Zeit 70 Kilo, also ungefähr so viel wie seine Rivalen. Laut der gängigen Meinung (ganz zu schweigen von den Gesetzen der Physik) fahren kleinere, leichtere Sportler schneller den Berg hoch, was der Grund ist, warum gerade sie große Rundfahrten gewinnen, und nicht die Riesen. Doch in einem wichtigen Aspekt war der freundliche, nicht aus der Ruhe zu bringende Miguel Indurain, der Mann aus der Navarra, der nie ein böses Wort über jemanden verlor, beruhigend unkonventionell: Buchstäblich – und bildlich – hatte er ein Herz, das so groß war wie ein Eimer.
Zuerst einmal: Der Bauernsohn hatte einen Ruhepuls von 28 Schlägen. Zum Vergleich: Bei einem durchschnittlichen Erwachsenen pocht es 65- bis 75-mal pro Minute, bei trainierten Sportlern um die 50-mal. Die beiden größten Radrennfahrer aller Zeiten, Eddy Merckx and Fausto Coppi, hatten 40 beziehungsweise 44 Schläge pro Minute. Eindrucksvoller noch war die Geschwindigkeit, mit der das Riesenherz die Muskeln versorgte. Indurain soll 7,8 Liter Sauerstoff pro Minute verarbeitet haben, 25 Prozent mehr als die meisten seiner Rivalen und doppelt so viel wie ein normaler Erwachsener. Nimmt man die anaerobe Schwelle von 550 Watt und einen VO2 von 88 hinzu, ergibt das den perfekten Ausdauerathleten. Kein Wunder also, dass Indurain, während kleinere und leichtere Fahrer in den Alpen in den roten Bereich getrieben wurden, immer noch eine Spazierfahrt zu machen schien. Nur im Zeitfahren verriet sein Gesicht, das in den Bergen ständig ein halbes Lächeln zu tragen schien, das geringste Zeichen von Stress.
Indurain war im Juli, sagte man, sowohl eine unwiderstehliche Kraft als auch ein Bild der Ruhe, eine höhere Gewalt des Radsports. Fünf Jahre und 115 Tour-de-France-Tage lang hatte er dem Peloton nicht nur Fußfesseln angelegt, sondern dies ohne das geringste Anzeichen einer Krise getan und dabei immer ausgesehen wie aus dem Ei gepellt. Miguel hatte nie einen schlechten Tag, sah nie aus, als würde er leiden, stritt sich nie mit einem Gegner, polarisierte nie die Meinungen. Er war nie auf Streit aus, machte nie eine öffentliche Äußerung, die als strittig, kontrovers oder ungewöhnlich hätte betrachtet werden können. Für Miguel Indurain war die Tour de France zu gewinnen, das härteste Sportereignis der Welt, einfach ein Prozess. Im sportlichen Sinne war es enorm beeindruckend, aber nicht spektakulär, kaum der Stoff für Radsportlegenden. Selbst als er den Stundenweltrekord brach, die aufwühlendste aller Achterbahnfahrten im Radsport, war er ein Vorbild an Kontrolle und Zurückhaltung gewesen.
Dass Indurain seine Beine für sich sprechen ließ, war keine schlechte Sache, denn in Wirklichkeit hatte er nichts besonders Tiefgreifendes zu sagen. Es war unmöglich, eine aktive Abneigung gegen ihn zu empfinden, weil er ein perfekter Gentleman war, aber aus dem gleichen Grund konnte man ihn auch nicht lieben, weil er in der Öffentlichkeit den Eindruck machte, er habe eine Art Persönlichkeits-Bypass. Miguel war ein herausragender Radsportler und ein sehr anständiger Mensch, nicht mehr und nicht weniger. Miguel war einfach Miguel, er war … nett. Außerhalb seines Heimatlandes fand man ihn so langweilig wie die Rundfahrten, die er routinemäßig dominierte.
In Spanien jedoch, einer Nation, die in jener Zeit unter einer ruhmlosen Sportgeschichte und einem starken Minderwertigkeitskomplex litt, konnte man die mit ihm verbundene Symbolkraft gar nicht hoch genug einschätzen. Seit Generationen waren die iberischen Radsportler reine Kletterer gewesen – oft spektakuläre, aber fast ausnahmslos komplizierte und psychologisch instabile Individuen. Bis auf eine kleine Minderheit hatten sie sich nicht bei den großen Rundfahrten in Italien und Frankreich durchsetzen können und waren in vieler Hinsicht nur ein Spiegel der kollektiven spanischen Identität. Temperamentvoll, talentiert, geschlagen …
Miguel war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Zu Hause hatten seine Einfachheit, seine komplette und vollständige Transparenz ihn ungeheuer populär und fast zu einer göttlichen Figur gemacht. Indurain, der Bauernsohn aus Villava, der im Zeitfahren überragend war, neigte nicht zu Gefühlsausbrüchen. Lieber lächelte er sein unkompliziertes Lächeln, antwortete freundlich und ausführlich, wenn er interviewt wurde, und benahm sich makellos, auf und abseits der Straße. Er war das genaue Gegenteil des spanischen Radsport-Archetyps, und jeder in Spanien wollte ein Stück von ihm haben.
Doch der Radsportkalender sprach gegen ihn. Die Vuelta war traditionell im April abgehalten worden, vor dem Giro und bevor die trockene Hitze des Sommers die iberische Erde verbrannte. Indurains letzte Teilnahme an seiner Heimatrundfahrt war 1991, als ein zweiter Platz den ersten seiner Pariser Fiestas andeutete. Danach war er ihr, unvorstellbar, zugunsten des Giro ferngeblieben. Er holte sich seinen Feinschliff als Kletterer in den Dolomiten (und gewann 1992 and 1993), während der Schweizer Diesel Toni Rominger drei Vueltas in Serie gewann. Schlimmer noch: Er tat das à la Indurain, indem er die Spanier im Zeitfahren vernichtete.
Eine Umstrukturierung bei der UCI gab der Vuelta die Möglichkeit zur Verlegung in den September. Die Teams murrten, aber der Organisator Unipublic, der gegen die Frühjahrsklassiker konkurrieren musste, nahm dankbar an. Man versprach sich davon mehr Sponsoren und Fernsehzeit, vor allem, würde man Miguelón zu einem Start überreden können. 41 Tage sollten zwischen Paris und dem Start in Zaragoza liegen, und die Aktionäre von Banesto, der Bank, die Indurains Team sponserte, drängten auf eine Rückkehr des verlorenen Sohnes. Da die Weltmeisterschaft von ihrem traditionellen Datum im August auf den zweiten Sonntag im Oktober verlegt worden war, würden diejenigen, die dort ernsthafte Ambitionen hatten, die Vuelta als Vorbereitung fahren. Sowohl Miguel als auch sein Boss, José Miguel Echavarri, schienen nicht abgeneigt zu sein. Das heißt, bis die UCI ihnen einen Stein in den Weg warf.
Die Weltmeisterschaft, so wurde bekannt, sollte in Kolumbien stattfinden, in einem Ort namens Duitama. Auch wenn Indurain mit der südamerikanischen Topographie nicht allzu vertraut war, wusste er genug, um zu verstehen, dass ein Rennen in Kolumbien vor allem eins heißen würde: Höhe. Beim besten Willen, sagte er, damit habe er ein Problem. Er konnte unmöglich die Vuelta zu Ende fahren und sich ausreichend akklimatisieren, um über seine zwei bisherigen Podiumsplätze bei der Weltmeisterschaft hinauszukommen. Zwischen Baum und Borke steckend, entschied er sich für die Weltmeisterschaft, während wieder ein Ausländer, diesmal der Franzose Laurent Jalabert, sich in Madrid das maillot amarillo überstreifte. In Kolumbien dominierte „Big Mig“ das Zeitfahren, bevor er im Straßenrennen Silber hinter Abraham Olano gewann, dem „kleinen Indurain“ Spaniens. Die Ironie, die niemandem entging, war, dass Olano die Vuelta komplett absolviert hatte.
Die Kontroverse dauerte den Winter über an, aber schließlich sind Radsportteams dazu da, um Werbung für ihren Sponsor zu machen. So wie Banesto es sah, war Indurain bei ihnen unter Vertrag, und die Öffentlichkeit wollte ihn sehen. Die Bank gab deutlich zu verstehen, das Team solle dafür sorgen, dass er die Vuelta 1996 fahren würde, wenn es auf eine Verlängerung seines Vertrags aus war.
Am 6. Juli führte die 7. Etappe der Tour de France in die Alpen. Hier sollte Miguelón laut Drehbuch einfach mit den Besten mithalten. Im folgenden 30-km-Zeitfahren würde er sich das Trikot holen, und das wäre es dann im Prinzip – Indurain würde der erste sechsfache Sieger der Tour werden, und der Rest des Feldes könnte sich um die Brotkrumen streiten. Doch es kam anders: Drei Kilometer vor dem Gipfel von Les Arcs attackierte Luc Leblanc aus einer Gruppe, die einen einsamen Ausreißer verfolgte: den außergewöhnlichen Laurent Dufaux. Jetzt, wo das Rennen in die heiße Phase ging, passierte etwas wirklich Erstaunliches – Miguel, der Unschlagbare, fiel plötzlich und unerwartet zurück.
Bjarne Riis, Toni Rominger & Co., die ein halbes Jahrzehnt lang das Aschenputtel gespielt hatten, schienen es zuerst kaum glauben zu können. Indurain, ein schwerer Adler, aber trotzdem ein Adler, sah auf einmal aus wie ein 80-Kilo-Mann, der einen Alpenpass hochfährt. Auf nur drei Kilometern verlor er mehr als drei Minuten, während seine Rivalen sich für 115 Tage kompletter Dominanz rächten. Zehn Tage später, an seinem 28. Geburtstag, hatte er einen weiteren schlechten Tag, dieses Mal noch schlimmer. Auf der Königsetappe in den Pyrenäen, die extra durch seine Heimatstadt geführt worden war, brach er ein und verlor mehr als acht Minuten auf Fahrer, die er in den Sommern zuvor problemlos abgehängt hatte. Riis gewann die Tour de France, während Indurain, moralisch am Boden, in Paris Elfter wurde. Bestimmt nur ein Ausrutscher, oder?
Miguels Misserfolg war eine demütigende Erfahrung für die Spanier gewesen, aber die Wirkung war nicht nur negativ. Zu allererst sorgte die ruhige Würde, mit der er die Niederlage ertragen hatte, dafür, dass er noch populärer wurde. Obwohl die meisten annahmen, Indurain sei krank gewesen, hatte er selbst sich nicht öffentlich dazu geäußert. Stattdessen hatte er das Rennen geehrt, indem er bis Paris gefahren war und nicht versucht hatte, die Leistung der anderen zu schmälern, indem er auf irgendeine Erkrankung verwies. Es hatte Gerüchte gegeben, er habe an eine Aufgabe gedacht, sich mit Echavarri überworfen und sich geweigert, die Vuelta zu fahren. All das erwies sich jedoch als unbegründet – Indurain stand tatsächlich am 7. September in Valencia am Start. Nach der Enttäuschung hatte er zudem bei der Vuelta etwas zu beweisen. Er würde sie fahren, um zu gewinnen.
Weiterlesen? Den vollständigen Artikel finden Sie in Procycling 12/2011 – ab 18. November an Ihrem Kiosk.
Foto Offside/L'Equipe
Icons Pinvoke




