
Als heißester neuer Sprinter seit Mark Cavendish hat Marcel Kittel große Erwartungen geweckt. In seinem ersten Profi-Jahr feierte er beispiellose 17 Siege, jetzt ist die Radsportwelt gespannt auf die Duelle, die sich Kittel 2012 mit den Topsprintern liefern wird. Und er selbst auch: „Du weißt nur, wer der Schnellste ist, wenn du gegen die Schnellsten sprintest.“
Die Krönung von Kittels grandioser Debütsaison war ein Etappenerfolg bei der Vuelta im August, als er Stars wie Oscar Freire und Peter Sagan schlug. Jetzt ist sein erstes Aufeinandertreffen mit Fahrern wie Mark Cavendish und André Greipel ein mit besonderer Spannung erwartetes Event der Saison 2012, nicht zuletzt für den Thüringer selbst. „Du weißt nur, wer der Schnellste ist, wenn du gegen die Schnellsten sprintest.“ Procycling sprach exklusiv mit dem neuen Angstgegner jedes Sprinters.
„Wenn ich alle Rennen addiere, die ich in der U23-Kategorie gewonnen habe, sind es, glaube ich, genauso viele wie in meinem ersten Jahr als Profi. Es ist verrückt.“ Marcel Kittel wundert sich über sich selbst, und das ist verständlich: Mit siebzehn Siegen (18, wenn man das Saisonabschlussrennen in Curaçao mitzählt) ist der 23-Jährige der erfolgreichste Neuprofi aller Zeiten. Und das sind nur die nackten Zahlen. Seine Siege haben auch Qualität: eine Etappe der Vuelta a España und vier Tagesabschnitte bei der zur WorldTour zählenden Polen-Rundfahrt, davon drei in Serie. Im Mai ließ er bei den Vier Tagen von Dünkirchen keinem anderen Sprinter eine Chance und gewann alle Etappen außer einer. Von Mai bis Oktober gewann Kittel mindestens ein Rennen pro Monat. Zum Vergleich: Mark Cavendish holte in seinem ersten Jahr bei T-Mobile elf Siege.
Kein Wunder also, dass Kittel am Ende der Saison selbst von seiner Ausbeute überrascht ist. „Es hört sich komisch an zu hören, dass ich der erfolgreichste Neuprofi bin. Zuerst dachte ich, es stimmt nicht, es muss doch jemanden geben, der mehr Rennen gewonnen oder eine bessere erste Saison hatte als ich. Aber wenn ich auf das Jahr zurückblicke, war es wirklich unglaublich, so viele Rennen zu gewinnen.“
Dabei war Kittel vor dem November 2010 gar kein Sprinter. Er war ein erfolgreicher Zeitfahrer, und Skil-Shimano nahm ihn als Anfahrer für etablierte Sprinter wie Roger Kluge und Kenny Van Hummel unter Vertrag. Doch beim ersten Trainingslager auf Mallorca im Dezember staunte Trainer Merijn Zeeman über die Daten auf Kittels SRM-Gerät. Bei einem späteren Trainingslager kurz vor der Tour de Langkawi hatte Van Hummel Probleme, nur am Hinterrad seines groß gewachsenen Kollegen zu bleiben. Das Team beschloss, ihn bei der erstbesten Gelegenheit einen Sprint fahren zu lassen, und Kittel gewann prompt die 3. Etappe des Rennens in Malaysia. Kittels Erfolgsgeschichte nahm ihren Anfang.
Kittel wurde 1988 im thüringischen Arnstadt geboren. Sportler zu werden, lag praktisch in seinen Genen: Der Vater war Radrennfahrer, die Mutter Leichtathletin, und beide waren in ihrer jeweiligen Nationalmannschaft. Marcel wuchs mit Sport auf – zuerst ging er zur Leichtathletik, verlor aber bald das Interesse daran und wandte sich dem Radsport zu. Aber dazu inspirierte ihn nicht Jan Ullrich, sondern sein Vater. Selbst heute noch, sagt Zeeman, schimmert eine natürliche Begabung durch, wenn er einen anderen Sport betreibt.
Als sein Talent sichtbar wurde, ging Kittel mit Empfehlung des Thüringer Radsportverbands auf dasselbe Sportgymnasium in Erfurt, das 20 Jahre zuvor schon seine Eltern besucht hatten.
„Ich hatte in dieser Schule viel mehr Zeit für Sport als auf anderen Schulen“, erinnert sich Kittel, der mit 15 Jahren zu dieser Einrichtung wechselte. „Wenn du irgendwo ein Rennen hattest und fünf oder sechs freie Tage brauchtest, sagten sie: ‚Kein Problem, nimm deine Hausaufgaben mit und mach’ sie dort oder irgendwo anders.‘ Sie wissen, wie es ist, wenn du viel Sport machst.“
Nach dem Sportgymnasium ging er 2007 zum größten Continental-Team der Region, Thüringer Energie. Dort fühlte er sich sehr wohl und blieb, bis er Profi wurde. „Als ich meine ersten Rennen mit ihnen fuhr, war es sehr beeindruckend für mich. Da waren zum Beispiel Tony Martin und andere Fahrer, die schon einige große U23-Rennen gewonnen hatten, und zu denen schaust du auf.“
2009 kam der Durchbruch, als Kittel den Flèche du Sud in Luxemburg gewann, U23-Zeitfahr-Europameister und Vierter bei der U23-Zeitfahr-WM wurde. Sofort streckten Profi-Teams die Fühler nach ihm aus – Skil-Shimano und Columbia-HTC machten ihm Angebote, die der selbstbewusste junge Mann jedoch ausschlug, um noch ein Jahr bei Thüringer Energie zu bleiben.
Eine gute Entscheidung, denn das Jahr 2010 konnte er wegen einer langwierigen Knieverletzung weitgehend vergessen, auch wenn er sich gegen Ende der Saison zurückmeldete und bei der Weltmeisterschaft in Australien beim U23-Zeitfahren die Bronzemedaille gewann. Aber da hatte Highroad bereits kein Interesse mehr und Skil-Shimano freie Hand, ihn unter Vertrag zu nehmen. Es war ein Glücksfall. Kittel weiß genau: Hätte er sofort bei einem WorldTour-Team unterschrieben, hätte er wahrscheinlich viel Zeitfahrtraining verordnet bekommen oder als Helfer für einen etablierten Sprinter arbeiten müssen. Es hätte ihm ergehen können wie Bert Grabsch bei Highroad – an der Spitze des Pelotons Kilometer fressen, um einen Sprinter zur Ziellinie zu eskortieren.
Bemerkenswert an Kittels Geschichte ist auch, dass er bei Thüringer Energie sein Wattmessgerät nutzte, um seine Leistung im Zeitfahren zu bewerten, während niemand auf die Idee kam, sich sein Potenzial als Sprinter genauer anzuschauen.
„Für mich war es komisch, als ich auf Mallorca mein erstes Sprinttraining gemacht habe“, sagt er über die Tage Anfang Dezember 2010, als er der Neue war, der als Anfahrer eingesetzt werden sollte. „Ich habe gemerkt, dass ich gute Beine hatte und im Training mit den anderen mithalten konnte, aber damals traute ich mir nicht so viel zu, weil ich nicht wusste, was ich bei einem Rennen erreichen kann.“
Auch wenn sich Kittels Enthusiasmus in Grenzen hielt, wusste Zeeman, der das Sprinttraining entwickelt hatte, dass er auf ein besonderes Talent gestoßen war. „Am zweiten oder dritten Tag sahen alle, dass er unglaublich war“, sagt der Coach zu Procycling. „In Kombination mit dem Power-Training, das ich mit allen Fahrern mache, entwickelte er sich sehr, sehr schnell. Und dann dachten wir: Okay, du hast mehr Talent für Sprints als nur fürs Zeitfahren.“
Als Kittel Anfang des Jahres eine Etappe der Tour de Langkawi gewann, gehörten die anderen Tage einem weiteren Sprinter im ersten Profi-Jahr – dem zierlichen Italiener Andrea Guardini. Es dauerte weitere vier Monate, bis Kittel sich bei den Vier Tagen von Dünkirchen endgültig und unmissverständlich als neuer Faktor bei den Sprints anmeldete. Noch mehr Fahrt nahm er bei der Polen-Rundfahrt Anfang August auf, als er das Trikot des Spitzenreiters eroberte und es drei Tage behielt. Damit wiederholte sich auch ein Stück Geschichte, denn 29 Jahre zuvor hatte sein Vater Matthias bei diesem Rennen ebenfalls in den Sprints den Ton angegeben, zwei Etappen und das Punktetrikot gewonnen.
In Polen glänzte das Rampenlicht der Medien, und er überschattete seine Rivalen im wörtlichen und übertragenen Sinn. Cavendish hat seine Spezies – kleinere Sprinter mit blitzschneller Beschleunigung – mit großem Erfolg ins Rampenlicht geführt, Kittel hingegen ist das genaue Gegenteil – schiere Kraft und krachende Power. Er hat mehr mit Mario Cipollini gemeinsam als jeder andere Sprinter der heutigen Szene, und seine Rivalen werden im Winter darüber nachdenken, wie sie im nächsten Jahr an ihm vorbeikommen.
„Er erreicht seine maximale Kraft relativ spät, und dann ist seine große Qualität, dass er diese Geschwindigkeit halten kann“, bemerkt Zeeman. „Seine durchschnittliche Wattleistung ist unglaublich“, freut sich der Trainer. Seine Höchstleistung, sagt er, betrage gewaltige 1.890 Watt, dabei habe Kittel eine sehr hohe Laktattoleranz.
Einen Monat nach seiner Dominanz in Polen folgte Kittels größter Erfolg – ein Etappensieg bei der Vuelta. Für ihn war es damals „wie ein Traum. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass ich wach werde – das war einer der verrücktesten Tage in meinem Leben.“ Und Kittel erinnert sich an seinen großen Moment: „Als wir in das Rennen gingen, wussten alle, was zu tun war, und wir brauchten gar nicht viel zu reden, weil alle voll bei der Sache waren und 120 Prozent für den Sieg geben wollten. Am Ende lief alles perfekt.“
Bei all seinen Erfolgen in diesem Jahr ist nicht zu leugnen, dass sich Kittel nicht regelmäßig mit der versammelten Sprinter-Konkurrenz auseinandergesetzt hat; vielmehr hat er seine Siege gegen isolierte Gegner erzielt. Nur bei fünf Rennen in diesem Jahr bekam er es mit Cavendish zu tun, und die Ergebnisse sind nicht sehr aussagekräftig. Als die 7. Etappe der Vuelta anstand, die erste klare Sprint-Etappe, war Cavendish bereits abgereist, sodass das Duell 2012 neu aufgenommen wird.
Gegen Tyler Farrar steht die Sprint-Bilanz in diesem Jahr 2:1 für den Amerikaner, wobei Kittels Sieg insofern entwertet wird, als Farrar auf der 7. Vuelta-Etappe in einen Massensturz verwickelt war. Im direkten Vergleich mit anderen Rivalen jedoch schnitt Kittel hervorragend ab; unter anderem setzte er sich bei der Meisterschaft von Flandern gegen André Greipel durch. Von den jüngeren Sprintern im ersten Profi-Jahr schlug er Guardini einmal in Langkawi und Denis Galimz-janow (Katjuscha) zweimal in Dünkirchen. Bei der Polen-Rundfahrt hatte der U23-Weltmeister von Rabobank, Michael Matthews, keine Chance gegen den Deutschen. Gegen alle Topsprinter außer Cavendish hat Kittel also mindestens einmal gewonnen.
„Es ist unglaublich, dass er im ganzen Jahr nur zwei Sprints verloren hat“, sagt Zeeman. „Alle anderen Massensprints, bei denen er dabei war, hat er gewonnen. Wie viele Sprinter tragen ein Finale aus und sagen nachher: ,Ich wurde eingeklemmt‘, oder ,ich war in der falschen Position‘? Das passiert ihm nicht. Er war die ganze Saison zur Stelle.“ Es ist nur eine leichte Übertreibung: Kittel landete insgesamt nur fünfmal auf dem zweiten oder dritten Platz beziehungsweise viermal, wenn man ein Zeitfahren bei der Delta Tour Zeeland abzieht.
Wie Cavendish lässt Kittel sich im Sprint von seiner Intuition leiten, selbst wenn er keinen Teamkollegen mehr hat, dessen Hinterrad er folgen kann. Zeeman urteilt: „Ich gIaube, seine große Stärke ist, dass er das Finale jetzt sieht und dass er versteht, was los ist. Er liebt die Spannung. Die meisten Fahrer sehen die Gefahr, er spielt einfach das Spiel.“
Zeeman hat recht – man spürt Kittels jugendlichen Überschwang, wenn er erklärt, was bei einem Sprint in seinem Kopf vorgeht oder vielmehr nicht vorgeht. „Ich kann dir nicht sagen, wie es funktioniert“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Ich kann nicht sagen, dass ich meinen Kopf dabei einsetze. Es ist einfach ein Gefühl, und ich glaube, ich habe ein gutes Gefühl dafür.“
Kittels Fähigkeit, Gefahren aus dem Weg zu gehen, ist beispielhaft – in der ganzen Saison stürzte er kein einziges Mal in einem Sprintfinale.
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Foto Tim de Waele
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