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Der Mann mit dem Hammer (PC 12/2010)

Dienstag, den 23. November 2010 um 21:29 Uhr 0 Kommentare
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hushovd-teaser

Beeindruckend stark und durch nichts aus der Ruhe zu bringen: Thor Hushovd  ist der Weltmeister, den der Radsport braucht. Der Norweger war schon bei der Tour 2006 ein Glücksfall, als er den Prolog gewann, während der Puerto-Skandal den Sport erschütterte. Wird der Titel nun den Fahrer verändern?

Die Fahrer des Cervélo TestTeams brachen in lautes Gelächter aus. Es war der Abend vor dem Münsterland-Giro, und sie hatten gehört, dass sich ihr Kapitän Thor Hushovd am anderen Ende der Welt, ein paar Stunden vor dem WM-Straßenrennen in Melbourne, „sehr stark“ fühlte. Allerdings lachten sie nicht, weil sie nicht glauben wollten, was sie hörten. Ganz im Gegenteil – Hushovd genießt das vollkommene Vertrauen seines Teams. Sie waren es nur nicht gewöhnt, dass der norwegische Sprinter vor einem Rennen große Worte macht. „Thor ist normalerweise nicht der Typ, der seine Ambitionen ankündigt“, erzählt uns sein Freund und Teamkollege Gabriel Rasch.

Obwohl Hushovd zu den Favoriten der Weltmeisterschaft zählte und die ansteigende Zielgerade in Geelong so aussah, als könnte sie ihm liegen, glaubte niemand, dass der Norweger schnell genug wäre, um Mark Cavendish zu schlagen, oder geschickt genug, um es mit Philippe Gilbert aufzunehmen. „Aber er wirkte sehr zuversichtlich, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe“, fügte Rasch hinzu. Hushovd hatte – was untypisch für ihn ist – vor dem Rennen so etwas wie hellseherisches Selbstbewusstsein gezeigt; dennoch gab er später zu, dass ihn mindestens viermal Zweifel beschlichen, bevor er sich schließlich das begehrte Regenbogentrikot des Weltmeisters überstreifen konnte.

Seine Nerven flatterten das erste Mal beim Auskundschaften des Kurses in Geelong, der windiger und hügeliger war als erwartet. Im WM-Rennen wurde Hoshovd erstmalig nervös, als fünf unbekannte Ausreißer (der Ire Matthew Brammeier, der Kolumbianer Diego Alejandro Tamayo Martínez, der Ukrainer Oleksandr Kvachuk, der Marokkaner Mohammed Said Elammoury und der Venezolaner Jackson Rodriguez) das Peloton auf dem Rundkurs fast überrundet hätten, was die kollektive Disqualifizierung des Hauptfeldes bedeutet hätte.

Noch besorgniserregender waren die rund 30 Fahrer einer Ausreißergruppe, in der große Namen wie der Titelverteidiger Cadel Evans vertreten waren. „Ich wusste, dass ich ihnen folgen musste“, sagt Hushovd gegenüber Procycling. „Dass Óscar Freire hinten fuhr, beruhigte mich ein paar Sekunden lang, aber es waren zu viele Kapitäne vorne. Glücklicherweise hat sich die spanische Mannschaft bei der Verfolgung richtig ins Zeug gelegt.“

Den letzten Anflug von Angst hatte er im Schlusssprint. „Ich eröffnete den Sprint gleichzeitig mit Breschel, und ich wusste, dass er schwer zu schlagen sein würde. Aber etwas in meinem Kopf sagte mir: Lass dir diese Chance nicht entgehen. Und so konnte ich noch mehr Kraft freisetzen.“ Die innere Stimme hatte recht – Hushovd gewann mit einer Radlänge vor dem Dänen Matti Breschel und dem Australier Allan Davis.

Zwölf Tage später sitzt Hushovd entspannt auf einem bescheidenen Stuhl in der Mitte eines Mailänder Hotelfoyers, das frei von jeglicher Dekoration ist. Hushovd bleibt ruhig, als wir uns ein Video des Rennens anschauen, das sein Leben verändert hat. Und natürlich sagt er, er sei „glücklich und stolz“ auf sein Regenbogentrikot. Doch Hushovd gibt auch zu, dass der entspannte Eindruck täuscht. „Es fällt mir schwer, mir den Sprint anzuschauen“, sagt er. „Natürlich habe ich mir das viele Male angesehen, aber ich bekomme immer noch eine Gänsehaut. Es schaut so aus, als hätte ich auf der linken Seite eingeklemmt werden können.“

Hushovd kennt die Unwägbarkeiten des Massensprints besser als jeder andere: Bei den Rennen in diesem Jahr war er oft in einer guten Position, um den Sieg dann knapp zu verpassen. Vielleicht fürchtet der Weltmeister sogar jetzt, wo das Regenbogentrikot sicher auf seinen Schultern sitzt, dass ihn eine gemeine Welle in die Absperrung drängt oder dass Freire seine Kräfte von Mailand-San Remo und Paris-Tours zusammennimmt und ihm den Sieg wegschnappt.

Hätte er bei den Frühjahrsklassikern einen Sieg verbucht, hätte der Norweger die Weltmeisterschaft vielleicht ignoriert, doch er gibt zu, dass er nach seinen Niederlagen bei Mailand-San Remo, den flämischen Eintagesrennen und im Kampf um das Gründe Trikot der Tour de France dieses Ziel fest ins Visier nahm. „Es ist das erste Mal, dass ich mich ernsthaft auf die Weltmeisterschaft vorbereitet habe“, sagt er. Wie das mit Trostpreisen so ist – es kommt nichts an sie ran.

„Vielleicht sind mir meine Gesundheitsprobleme in der ersten Hälfte des Jahres [ein Virus im Februar, ein Schlüsselbeinbruch im Mai] zugutegekommen“, sagt er. „In der Zeit, in der ich nicht trainieren konnte, habe ich meine Energien geschont. Ich hatte das Gefühl, dass ich im September und Oktober besser regenerierte und frischer war als sonst. Manchmal kann aus Pech auch Glück werden.“

Am Abend nach dem Rennen feierte Hushovd sein Trikot mit anderen norwegischen Fahrern bei einem Glas Champagner und einem Känguru-Steak, bevor sie in eine Bar an der Küste von Melbourne gingen. Die norwegischen Zeitungen brachten ein typisch zurückhaltendes Foto des neuen Weltmeisters zwischen seinen beiden norwegischen Teamkollegen Edvald Boasson Hagen (Team Sky) und Alexander Kristoff (BMC). Hushovd trug ein ungebügeltes hellgraues Hemd und sah stocknüchtern aus – ganz anders als die vielen Fahrer, die einen ähnlichen Sieg ausschweifend feiern würden.

„Ich fand es einfach nett, mit den Leuten vom norwegischen Verband zusammen zu sein“, sagt Hushovd. Besonders gefiel es ihm aber, Zeit zum Nachdenken zu haben, als er im Flugzeug saß und die lange Rückreise nach Monaco antrat. „Ich bin alleine gereist, nur mit meinem iPod, und niemand hat mich gestört. Wenn die Weltmeisterschaft in Europa gewesen wäre, hätte ich keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich gerade erreicht habe.“

Das hört sich an, als ginge Hushovd Ruhe und Zurückhaltung über alles, und genau so ist es auch. Seine Freunde sagen, dass ihn die Familie auf dem Teppich hält. Seine Eltern haben beide nichts mit Sport zu tun – seine Mutter arbeitete in einem Altenheim, der Vater ist Lehrer am Gymnasium – und inzwischen ist Hushovd selbst stolzer Vater. „Ja, ich verfüge über eine innere Ruhe“, sagt Hushovd, als wir ihn nach seiner angeblichen Haupteigenschaft fragen. Seine persönliche Philosophie erklärt er so: „Ich habe meine Ziele erreicht. Ich werde nicht aggressiv, wenn ich nicht gewinne. Ich akzeptiere es, wenn es stärkere Fahrer gibt als mich.“

Obwohl er zu Recht stolz ist auf seinen Weltmeistertitel, macht sich Hushovd bereits jetzt Sorgen um seine Privatsphäre und seinen Lebensrhythmus. Er hat fast alle Verpflichtungen, die er als neuer Titelträger in Europa hat, auf einige wenige Tage zusammengelegt, so etwa ein Treffen mit der norwegischen Königsfamilie und Talkshow-Auftritte in seinem Heimatland. Hushovd verschob sogar seinen Urlaub und die Entfernung einer Platte aus seinem Schlüsselbein (ein Erbe des Sturzes im Mai), um zwei Rennen am Ende der Saison zu fahren. Er bestritt die Piemont-Rundfahrt und die Lombardei-Rundfahrt, weil er „stolz auf sein Regenbogentrikot“ ist, aber auch, weil er weiß, „dass die Fans enttäuscht sind, wenn sie das Trikot fünf Monate nicht sehen“.

Gleich nach der Lombardei-Rundfahrt flog er mit dem Sieger Philippe Gilbert nach Belgien, wo beide an der Gala zur Wahl des Flamen des Jahres teilnahmen, die im Fernsehen übertragen wurde. Am nächsten Morgen reiste Hushovd nach Italien zurück, wo ein Kriterium in Borgomanero und die Gran Gala Ciclistico Internazionale in Conegliano auf seinem Terminkalender standen. Danach fuhr er zu einem Treffen mit Mitarbeitern seiner Sponsoren Sportful und Castelli und flog anschließend nach Paris zur Präsentation der Tour de France 2011.

Trotz seines neuen Status scheint sich für den Cervélo-Fahrer wenig geändert zu haben. In der Vergangenheit hat er in Norwegen schon mal Werbedeals ausgeschlagen; nach seinem WM-Titel lehnte Hushovd bereits Interviewanfragen ab, um Zeit mit seiner Frau und seiner Tochter zu verbringen. In den flüchtigen Momenten, die ihm zum Durchatmen bleiben, hat Hushovd die Geschichte seiner erfolgreichen Karriere bestimmt schon Revue passieren lassen. Er fing mit zehn Jahren mit dem Radfahren an, weil er wie sein Bruder Ronny sein wollte. Dann wollte er Profi werden und Etappen der Tour de France gewinnen – wie sein Nachbar in der kleinen Hafenstadt Grimstad, Dag Otto Lauritzen, 1987. Und er träumte davon, U23-Weltmeister zu werden wie Kurt Asle Arvesen beim Straßenrennen 1997.

Als Hushovd hörte, dass Arvesen – der drei Jahre älter ist als er – das U23-Regenbogentrikot gewann, machte er gerade Urlaub auf den Kanarischen Inseln und war drauf und dran, mit dem Radsport aufzuhören – es langweilte ihn, sagt er. Doch als er seinen norwegischen Landsmann siegen sah, überlegte er es sich anders, und ein Jahr später streifte er sich im holländischen Valkenburg das Regenbogentrikot über, nachdem er das Zeitfahren gewonnen hatte. In jenem Jahr hatte er bereits seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, indem er die U23-Version von Paris-Roubaix gewann. Sein nächstes nennenswertes Ergebnis war der siebte Platz beim Einzelzeitfahren bei den Olympischen Spielen in Sydney, wo er Spezialisten wie Chris Boardman, Andreas Klöden und David Millar hinter sich ließ.

Seine beiden Grünen Trikots von der Tour de France 2005 und 2009 plus der aktuelle WM-Titel könnten natürlich zu der Schlussfolgerung verleiten, dass Hushovd heute ein reiner Sprinter ist. Aber seine frühen Zeitfahr-Siege und die Verschiedenartigkeit seiner acht Erfolge bei der Tour de France – er gewann ein Mannschaftszeitfahren, ein Duell gegen einen Fluchtgefährten, einen Prolog und fünf Massensprints – zeigen, dass er viel mehr als ein Sprinter ist. Daneben hat er sich seit seinem dritten Platz bei Mailand-San Remo 2005 Jahr für Jahr bei den Klassikern gesteigert.

Auf den ersten Blick erscheint Hushovds Lebenslauf linear – U23-Weltmeister 1998, Profi seit 2000. Doch es gibt ein paar kleine Eigenheiten in seiner Vita. Zum Beispiel lehnte er einen Profivertrag mit Crédit Agricole für 1999 ab, weil er noch ein Jahr Spaß im Amateurbereich haben wollte. Dann schlug er Angebote für 2000 von großen Teams wie Mapei, US Postal, Rabobank und Française des Jeux aus und ging zu Crédit Agricole, weil die Franzosen als erstes Team Interesse an ihm gezeigt hatten. Nachdem er bei Roger Legeays Team unterschrieben hatte, zog Hushovd nach Boulou, einen beschaulichen Kurort zwischen Perpignan und Girona, wo kein anderer Radprofi lebte. „Hey, es war cool da!“, protestiert Hushovd. Friedlichkeit und Ruhe waren offenbar immer wichtig für ihn.

Hier in Mailand trifft er sich ein paar Stunden nach unserem Interview zum Abendessen mit seinem Manager Alex Carrera und Jonathan Vaughters, dem Teammanager von Garmin-Cervélo, der sowohl ein ehemaliger Crédit-Agricole-Teamkollege als auch sein zukünftiger Boss ist. Mit dem Treffen haben sich auch die jüngsten Gerüchte erledigt, dass sich Quick Step oder das neue australische Team Pegasus Racing den Norweger angeln wollen. „Das kommt gar nicht in Frage! Einige Teams haben mich zwar vor der Weltmeisterschaft angerufen, andere danach, aber wir halten uns daran, wenn wir schon einen Vertrag unterschrieben haben“, betonte Carrera gegenüber Procycling. Auch Hushovd sieht das so: „Im Radsport brechen einige Leute Verträge, um dich unter Vertrag zu nehmen. Ich finde, ein Fahrer muss fair sein, nachdenken, bevor er unterschreibt, und seinen Vertrag respektieren.“

Ein anderer früherer Teamkollege, Sébastien Hinault (Ag2r-La Mondiale), betont, dass Hushovd mit seinem Regenbogentrikot bei den Teammanagern nun höher im Kurs steht, aber auch vorher schon viele Bewunderer hatte. „Alle mögen Thor“, sagt Hinault. „Du hältst ihn für schüchtern, wenn du ihn nicht kennst. Aber in Wirklichkeit ist er ein aufgeräumter Typ mit trockenem Humor und sehr umgänglich. Man kann ihn nur respektieren, und wenn du sein Teamkollege bist, unterstützt du ihn, ohne zu fragen, weil du weißt, dass er zuverlässig ist und Ergebnisse für das Team einfahren wird.“

In seinem Heimatland ist Hushovd der perfekte Botschafter für den Radsport. Er hat ein Amateurteam auf die Beine gestellt, das von Cervélo und dem großen norwegischen Sender TV2 gesponsert wird, der die Tour de France, die Klassiker und andere Rennen mit dem Nationalhelden überträgt. Die in Australien gewonnene Goldmedaille könnte die Begeisterung für den Radsport in einem Land, wo Skifahren immer noch die Sportart Nummer eins ist, weiter ankurbeln.

Weiterlesen? Die gesamte Story finden Sie in Procycling 12/2010 – ab 26. November an Ihrem Kiosk.

Autor Autor Pierre Carrey
Foto-Copyrights Foto Jesse Wild
creative-commons Icons Pinvoke

Schlagwörter: Cervélo TestTeam, Geelong, Rad-Weltmeisterschaft, Regenbogentrikot, Thor Hushovd
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