
Bevor am Puy de Dôme der Asphalt aufgerissen wird, unternimmt Procycling noch schnell eine heimliche Fahrt mit Johnny Weltz, dem letzten Sieger auf diesem legendären Berg der Tour de France.
Eine der mythischsten Straßen der Radsport-Geschichte sterben zu sehen, ist ein seltenes und aufwühlendes Erlebnis. Aber solche Orte können sterben – manchmal, weil sie vernachlässigt werden, und manchmal für den „Fortschritt“. Letzteres ist der Fall beim Puy de Dôme, Schauplatz des denkwürdigen Duells zwischen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor. Die Straße, die sich um den uralten Vulkan windet, hatte seit 1988 keinen Besuch mehr von der Tour de France und wird auch nie wieder welchen bekommen, denn im Frühjahr 2012 soll hier ein neue Zahnradbahn in Betrieb genommen werden.
Die bedrohlichen Barrieren und Bagger haben bereits Besitz vom Asphalt ergriffen, allerdings sind die Arbeiten, die im März hätten beginnen sollen, verschoben worden. Nun liegen die Maschinen auf der Lauer und können die Straße jederzeit aufreißen. Die örtlichen Behörden untersagen uns die Tour, Gefahrenschilder erinnern uns daran, dass das Betreten verboten ist. Doch wir durchbrechen die Barrikaden, um an einer Art Beerdigungszeremonie teilzunehmen – in diesem intimen und illegalen Ambiente. Um dem 16 Kilometer langen Anstieg einen letzten Tribut zu zollen, müssen wir an einem Sonntagmorgen um sieben Uhr vor Ort sein. Eine verwaiste Baubude und ein Sandhaufen blockieren die Straße am Beginn des letzten Abschnitts, fünf Kilometer mit zehn bis zwölf Prozent.
Johnny Weltz, der letzte Gewinner einer Puy-de-Dôme-Etappe bei der Tour de France, hat unsere Einladung, an dieser emotionalen Kletterpartie teilzunehmen, sofort angenommen. Drei Tage später muss er zum Prolog der Vuelta fliegen, um das Team Garmin-Transitions zu managen. In den 22 Jahren seit seinem Triumph ist der Sportliche Leiter nie zu jenem Berg zurückgekehrt, der den Höhepunkt seiner Karriere darstellte. „Josep, ein Radsportler aus dem Ort in Spanien, wo ich lebe, redet oft vom Puy de Dôme und will mich immer überreden, mit ihm hierherzufahren“, erzählt Weltz. Das können die beiden Freunde 2012, wenn die Straße wieder geöffnet wird, zwar immer noch machen – aber nur einmal in der Woche früh morgens auf einem sehr schmalen Asphaltstreifen und mit der Verpflichtung, auf dem Gipfel auf den letzten Ankömmling zu warten und dann geschlossen abzufahren.
Der 1.465 Meter hohe Berg mit seinem 73 Meter hohen Sendemast erhebt sich über Clermont-Ferrand, der Heimat von Michelin, einer Großstadt in der Auvergne im Herzen Frankreichs, die gleichzeitig an allem nah dran und von allem weit weg ist. Der Beginn des Anstiegs ist eine leichte Übung: Die Straße steigt gleichmäßig an; der Dôme von Clermont-Ferrand erscheint inmitten der Schwarztöne des Vulkangesteins. „Ich erinnere mich, dass wir nach meinem Sieg in der Stadt übernachtet haben, und die Silhouette des Bergs war so deutlich“, erinnert sich Weltz. Die Straße führt zwei Kilometer durch abgeerntete Felder zum Fuß des Lavakegels. Die friedliche Morgenstimmung ist wunderschön – der blaue Himmel ist wolkenlos und es weht eine warme Brise.
Nichts deutet darauf hin, dass der Wind dort oben mit 150 km/h pfeifen kann, es meist neblig-dunstig ist und auch häufig frieren kann. Der Puy de Dôme ist sowohl faszinierend als auch furchteinflößend, sowohl geweiht als auch verflucht. Hier verehrten die Römer den Gott Merkur mit einem Tempel auf dem Gipfel. Mönche zogen sich im Mittelalter in diese Gegend zurück, und auch die Hexen kamen. Eine von ihnen wurde hier Ende des 16. Jahrhunderts zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Der berühmteste Abschnitt des Puy de Dôme beginnt, wo die Steigung fast neun Prozent beträgt und eine Absperrung das Morgenlicht filtert. Hier soll die Rampe für die Zahnradbahn entstehen; eine Holzbarriere markiert den Beginn der verbotenen Zone. Autofahren ist hier streng verboten, sogar für den Procycling-Fotografen, der seine Kameras, Objektive und Blitzgeräte auf dem Fahrrad transportieren muss. Die Angst, erwischt zu werden, haben alle im Hinterkopf, und eine tiefe Stille umgibt die wenigen Mountainbiker und Tagesausflügler, die auch nicht willkommen sind und sich gegenseitig beobachten, bevor sie aus dem Auto aussteigen und den Anstieg in Angriff nehmen. Weltz lacht: „Das wäre ja die Krönung, wenn wir ins Gefängnis kämen, weil wir hier Rad fahren!“
Zweiräder haben auf dem Puy de Dôme schon immer eine wichtige Rolle gespielt. 1911 landete der erste Doppeldecker auf dem Gipfel, das erste Auto legte die Strecke anno 1913 zurück. Aber das war 21 Jahre nach dem ersten Radfahrer, einem unbekannten Sportsfreund aus der Gegend. „Psycho“, wie er auch genannt wurde, erreichte den Gipfel nach 44 Minuten Fahrt und 33 Minuten Pause. Diese Leistung kann man unmöglich mit unserer im Jahr 2010 vergleichen, nicht einmal so sehr wegen der modernen Räder, mit denen wir unterwegs sind, sondern auch wegen der Straße, die sich total verändert hat – der Pionier von 1892 hatte es mit einer Steigung von 25 Prozent zu tun. Von diesem Punkt an ist die Straße gleichmäßig steil und windet sich ohne Knicke um den Vulkan, der nur einmal – im Jahr 4040 vor unserer Zeitrechnung – ausbrach. Die Luft riecht nach Farn, dem Harz der Tannen und – merkwürdigerweise – Pferden, aber die einzigen sichtbaren Tiere hier sind summende Insekten und klammheimliche Radfahrer.
„Was für ein Anstieg!“, sagt Weltz. „Das tut richtig weh. Vier Kilometer lang kannst du dich nirgendwo erholen, anders als zum Beispiel bei Alpe d’Huez, wo es 21 Haarnadelkurven gibt. Der Puy de Dôme sieht eher aus wie der Ventoux, vor allem, wenn es heiß ist. Der Schatten der Bäume hilft dir nicht.“ Weltz hat dieselben durchdringend blauen Augen wie auf den Fotos seines Etappen-Siegs bei der Tour und die absolute Entschlossenheit eines Exprofis, der immer noch 15.000 Kilometer im Jahr abspult. Jetzt erkennt er die Straße wieder. „Am eindrucksvollsten war die Menschenmenge“, sagt er. „Wir sind hier mitten im Niemandsland, und plötzlich waren da so viele Leute.“ Eine solche Masse von Fans kann auch Gefahren bergen. 1975 sprang 150 Meter vor dem Ziel ein Zuschauer auf Eddy Merckx zu, boxte ihn in die Niere und raubte ihm damit alle Chancen auf einen sechsten Tour-Sieg.
Doch eines der dramatischsten Duelle in der Geschichte des Radsports ist immer noch das vom 12. Juli 1964. Drei Tage vor dem Ende der Tour in Paris war der Anstieg Schauplatz eines erbitterten Kopf-an-Kopf-Rennens, das erst einen Kilometer vor dem Gipfel entschieden wurde, als Poulidor Anquetil abschüttelte und 42 Sekunden im Gesamtklassement gewann. Die Tour oder die Etappe gewann er trotzdem nicht – die holte sich Julio Jiménez. „Wenn Poulidor das Maillot geholt hätte, wäre ich nach Hause gegangen“, gab Tour-Sieger-Anquetil zu.
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Autor Pierre Carrey
Foto·Dave Caudery
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