Kaum auf dem Markt, ist die neue SLX-Gruppe von Shimano auch schon auf den ersten Serienrädern bekannter Markenhersteller zu finden. Fahrrad News hat sich vier Modelle mit der neuen Gruppe angeschaut und ist damit durch Wald und Wiesen gebügelt ...
Focus Raven - Rabenhaftes Fahrgefühl
Das Konzept der Cloppenburger passt genau zum Image der neuen SLX-Gruppe: viel Technik zum bezahlbaren Preis anzubieten, darin ist Focus Spitze. "Viel Technik" heißt im 21. Jahrhundert fast schon automatisch Carbonrahmen. Längst haben die Kohlefaser-Gestelle den Sprung vom Rennrad zum Offroader geschafft, wobei Focus zu den Akteuren gehört, die beide Anwendungen auch im mittleren Preisbereich möglich machen. Dass das nicht "mittelmäßig" bedeutet, beweist Focus mit der aufwendigen SSPS-Rahmentechnologie. Das Kürzel bedeutet "Stable Stiffness per Size", was heißt, dass sich die Zahl der Carbonlagen an der Rahmengröße orientiert, um großen, schweren Fahrern mehr Steifigkeit und kleineren, leichten weniger Gewicht zu bieten. Neben hoher Steifi gkeit und geringem Gewicht setzen die Produktentwickler vor allem auf Zähigkeit und Haltbarkeit - von der Verwendung superleichter, aber auch spröder Hochmodulfasern naht man deshalb bei manchen Rahmenpartien abgesehen. Weißer Glitterlack und gut sichtbare Carbon-Gelege am Steuerrohr machen den Focus-Rahmen auch optisch zum Highlight - ganz supersportliche Race-Feile, wobei die Sitzposition durch mittellangen Vorbau und gekröpften Lenker eher moderat ausfällt.
Auch an diesem Rad passen die SLX-Teile gut ins Bild; Optik und Performance erinnern eher an einen Profi -Racer mit XTR denn an ein Mittelklasse-CC-Bike. Dass sich eine Hayes-Stroker-Disc ins Shimano-Aufgebot drängt, ist angesichts ihrer guten Performance kein echter Nachteil, schon eher, dass für die Manitou R7 Super kein Remote-Lockout vorgesehen ist, der die 100 mm Weg im Wiegetritt im Zaum hält. Als gute Wahl erweisen sich die faltbaren Conti Race King in 2.2 Zoll, einer Dimension, die einen guten Kompromiss aus durchschlagfreier Dämpfung und leichtem Lauf bietet. Am Ende stehen für den schnellen Carbon-Raben 1899 Euro auf der Rechnung - eine Summe, die jeder gerne bezahlt, der mit diesem Zehn-Kilo-Rad auf seinen Lieblingstrails unterwegs war.
Trek Remedy
Schlaue Lösung für Trail-Vergnügen Trail-Künstler, Downhill-Bike, All-Mountain-Spaßgerät - irgendwo in der Mitte steht das Trek Remedy, dessen ungewöhnlicher Hinterbau allenthalben für Aufsehen sorgt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei das "Active Braking Pivot" genannte Gelenk, das genau auf der Hinterradachse sitzt - anders als das "Horst Link" beim klassischen Viergelenker einige Zentimeter davor. Was bringt die ungewöhnliche Anordnung, die einen extralangen Schnellspanner zur Befestigung des Hinterrades nötig macht? Letztlich geht es darum, ein Verhärten der Federung bei Bremsmanövern zu verhindern, was beim Viergelenker theoretisch passieren kann. Das ABP-System ist nicht die einzige Besonderheit des Trek Remedy. Die Aufnahme des Dämpfers ist als "Full Floater" konstruiert, will heißen, der Dämpfer ist nicht fest mit dem Hauptrahmen verbunden, sondern schwimmend zwischen einem "Ausleger" der Kettenstreben-Einheit und der Wippe des Hinterbaus - bei Trek "Evo Link" genannt - gelagert. Eine aufwendige Konstruktion, die zum Ziel hat, Antriebskräfte zu eliminieren, was im Falle des Remedy eindrucksvoll gelingt. Sprachen die Bikes von Quantec und Focus eher unser Faible für schnelle Trails und knackige Bergauf-Passagen an, zog uns das Trek Remedy magisch nach unten. Maximal 160 mm Federweg aus der Rock Shox Lyric IS und 150 mm am Hinterbau wollen auf die Probe gestellt werden; die aufrechte Sitzposition mit dem ultrakurzen Bontrager-Vorbau macht Lust auf steile Drops, an die man sich mit einem CC-Bike nicht herantraut. Dabei erwies sich der ABP-Hinterbau als genauso reaktionsarm, wie sein Hersteller verspricht - feines Ansprechverhalten in allen Situationen, auch bei extremen Bremsmanövern, gehört zu den Stärken des Systems.
Die neue SLX in dieses Konzept einzubinden, fällt angesichts ihrer Positionierung im All-Mountain-Bereich nicht schwer. Anfangs wundern wir uns zwar, warum man bei Trek nicht auf die Zweifach-Variante setzt, zumal wir mehrere Male mit dem großen Blatt durch die Krume kratzten, doch letztlich soll das Remedy ja auch ein Bike zum Bergauffahren sein. Den Nabensatz der SLX sucht man an diesem Rad vergebens; vorne dreht sich das Laufrad ja um eine spezielle 20-mm-Achse. Die Bontrager-Felgen sind Tubeless-kompatibel, wurden von uns jedoch klassisch mit Schlauch gefahren. Mit einer Avid Juicy statt der SLX-Disc kann man auch leben, zumal sie mit den weißen Sätteln und Hebeln gut zum farblichen Gesamtkonzept des Remedy passt. 2599 Euro sind für Trek's Trail-Rakete fällig - das geht angesichts des überragenden Hinterbaukonzepts in Ordnung, zumal das Bike nicht zuletzt dank der SLX optisch ein echter Reißer ist.
Müsing Twinroad
SLX im Sport-Transporter Ein Einsatzzweck, den Shimano mit der neuen SLX wohl nicht im Auge hatte, präsentiert Müsing. Wir erinnern uns: Die Überarbeitete LX-Gruppe ist nun fest im Trekking-Segment verankert, sollte also auch für Fahrräder wie das sportliche Müsing-Trekkingbike in Frage kommen. Doch genau das ist der springende Punkt: Zu der sportlichen Art des Reisens, auf die das Twinroad ausgelegt ist, passt die gediegene Optik der neuen LX kaum. Warum also nicht den Offroad-Nachfolger der alten LX wählen? Zumal die SLX optisch perfekt zum Müsing passt: anthrazitfarbene Oberflächen hier, mattschwarze Eloxierung dort. Wären nicht die 28-Zoll-Laufräder, könnte man das Twinroad glatt als Reise-Hardtail bezeichnen. Nur Gepäckträger, Schutzbleche und Asphalt-taugliche Schwalbe Marathon deuten an, dass dieses Rad nicht auf dem Trail, sondern auf der Langstrecke zu Hause ist. Und würde man Träger und Schützer demontieren sowie auf Marathon Cross oder Racing Ralph umrüsten, käme ein leichtes, schnelles Crossbike heraus, das auf Waldwegen, Schotter und leichten Trails durchaus ernsthafte Konkurrenz für echte Offroader bedeuten könnte. Zumal die Suntour-Federgabel mit ihren gut sechs Zentimeter Federweg eher straff abgestimmt ist und für kurze Sprints vom Lenker aus blockiert werden kann.
Müsing verbaut die komplette SLX-Gruppe an ihren Sport-Trekker, inklusive Scheibenbremsen; auf die Idee, das Ensemble etwa durch ein höherwertiges Schaltwerk aufzuwerten, kommt der Hersteller erfeulicherweise nicht. Erstens würde das nicht viel bringen und wäre sicher auch nicht der Optik zuträglich, und zweitens ließe sich dann der extrem attraktive Preis von 1099 Euro nicht halten. Wer das Twinroad im Alltag nutzen will, muss sich jetzt nur noch Gedanken über eine Lichtanlage machen (der Seitenständer ist auch schon an Bord) - vielleicht mit dem LX-Nabendynamo? Nein, geht ja nicht, wegen der Scheibenbremse ...
Quantec Fully Four - Viel Spaß mit vier Gelenken
Einen typischen No-Nonsense-Viergelenker stellt Quantec mit dem "Fully Four" vor. Hersteller CCM Sport setzt auf einen schlichten Alu-Hauptrahmen mit kräftigem Unterrohr, gefrästen Aufnahmen für Dämpfer und Wippe sowie einem Verstärkungsblech unterm Unterrohr. Durchgehend geschlossene Schaltzugführungen am Unterrohr sorgen für eine aufgeräumte Optik und verhindern Kratzer auf dem Oberohr beim Draufsetzen. Bewährt ist die Geometrie des Hinterbaus: Drehpunkt auf Höhe des mittleren Kettenblattes, "Horst Link" vor dem Ausfallende und etwas unterhab desselben - so kommt ein reaktionsarmes Fahrwerk zustande; beim Einfedern bewegt sich das Hinterrad nicht nur nach oben, sondern auch minimal vom Hindernis weg. Wippbewegungen beim Treten sind dieser Konstruktion weitgehend fremd, wozu auch der Manitou-Radium-Dämpfer mit "Platform Plus"-Technologie beiträgt. Dessen Zugstufenjustage ermöglicht eine Quasi-Blockierung; bei der Rock Shox Reba Race, die das Vorderrad führt, besorgt das ein praktischer Remote-Lockout am Lenker. Komplette SLX inklusive Scheibenbremsen, damit liegt das Quantec Fully Four in der Basisversion bei 1699 Euro - dann allerdings mit Suntour-Gabel. Die Testversion schlägt mit knapp über 2000 Euro zu Buche, was neben der Reba an den leichten Ritchey-WCS-Teilen liegt. Die Fahreindrücke der Fahrrad News-Redaktion bewegen sich im Rahmen des Erwarteten: Quantec liefert ein sportliches Fully, dessen Fahrwerk durch schnelle Reaktion und gute Bodenhaftung erfreut. Die neuen Shimano-Parts bieten dabei keine wirklichen Überraschungen jenseits von perfekter Funktion. Auffallend ist vor allem die schöne Optik der Teile, angesichts derer der günstige Komplettpreis kaum glaubhaft erscheint.
Fotos Kai Dudenhöfer
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