
„Dura lex, sed lex“, pflegten die Römer zu sagen – „das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz.“ Angesichts seiner Aktionen sagt mir irgendetwas, dass es um Riccardo Riccòs Latein ebenso schlecht bestellt ist wie um seine Sportethik. Aber das Diktum hat immer noch Gültigkeit, genau wie vor 2000 Jahren. Das strenge Gesetz schreibt vor, dass Riccò nie wieder Rennen fahren wird. Wenn man sich jetzt seinen Werdegang anschaut, muss man sich fragen, ob irgendeiner seiner Siege oder auch seiner bescheideneren Resultate fair erzielt wurden.
Ich muss Ihnen nicht erzählen, welche Abgasfahne von Gerüchten und Kontroversen er schon als Junior und Amateur hinter sich herzog. Ursprünglich sollte er 2005 bei meinem Freund Bruno Reverberi Profi werden, aber als er bei einer Reihe von Hämatokrittests durchfiel und Bruno verständlicherweise kalte Füße bekam, wandte er sich Mauro Gianetti, der ihm helfen sollte, sich seine unnatürlich vielen roten Blutzellen von der UCI „absegnen“ zu lassen. Anfang 2006 wurde Riccò Profi und beeindruckte sofort. Aber zwei Jahre später bestätigte sich der Verdacht, als er bei der Tour de France positiv getestet wurde.
Ein paar Monate nach Beginn seiner Sperre sprach mich Riccòs damaliger Manager Alex Carrera an. Ob ich Interesse hätte, wollte Alex wissen. Mein Antwort war identisch mit der, die er schon von anderen Teammanagern erhalten hatte: „Nein danke.“
Stellen Sie sich einmal vor, liebe Leser – wenn er sich eine Bluttransfusion verabreicht hat, um eine Etappe der Mittelmeer-Rundfahrt im Februar zu gewinnen, auf welche Ideen wäre er dann vor dem Giro oder vor Tour de France gekommen? Was hätte er im Laufe seiner Karriere alles gemacht? Ich will gar nicht daran denken - ebenso wenig wie an die Vorstellung, dass er je wieder in den Sport zurückkommt. Viele selbst ernannte Experten in Italien haben gesagt, dass mindestens ein Teil der Schuld für seinen moralischen Bankrott bei seinen Eltern liegen muss. Ich hasse es, über Menschen zu urteilen, die ich nicht kenne, aber ich weiß, dass die Prioritäten und Werte dieses Jungen dringend neu ausgerichtet werden müssen. Warum es so weit gekommen ist, weiß nur er, aber mit 27 ist er alt genug, um die volle Verantwortung für seine Vergangenheit und seine Zukunft zu übernehmen – ein Zukunft ohne Radsport.
Natürlich können seine Eltern ihm helfen. Wenn sein tiefer Fall ihn nicht wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht hat, müssen sie ihn an den Fersen herunterziehen. Das wird nicht leicht sein, weil man den Eindruck hat, dass bei Riccò alles nach seiner Nase gehen musste. Geschichte dieser Art gab es zuhauf im Peloton. Riccardo wollte nicht mit den Laufrädern fahren, mit denen der Rest des Teams fuhr? Nun, er konnte alles haben, was er wollte. Riccardo gefiel der Rahmen nicht, den der Sponsor zur Verfügung gestellt hatte? Nun, er konnte einen anderen haben und ihn neu lackieren lassen. Von Anfang an schienen die Leute immer nur „Ja“ zu Riccardo Riccò zu sagen – oder vielleicht akzeptierte er einfach kein „Nein“ als Antwort.
In diesem einzigen Punkt ähnelte er seinem Idol Marco Pantani. Auch wenn Pantanis Errungenschaften im Nachhinein in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheinen, hat er sie zumindest in eine Art Kontext gesetzt. Mit anderen Worten: Mit welchen Methoden „il Pirata“ sich auch immer „präpariert“ haben mag – sie unterschieden sich nicht sehr von denen seiner Zeitgenossen. Pantani war, wie wir in Italien sagen, ein „figlio del suo tempo“ – ein Kind einer Zeit, die in seinem Fall ziemlich unappetitlich war.
Das kann man von Riccò nicht sagen. Der Radsport und seine Regeln haben sich verändert. Während Pantanis Glanzleistungen sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt haben, wenn auch vielleicht mit einem kleinen Sternchen, bleibt fast nichts von Riccòs Siegen im Hochgebirge des Giro und der Tour. Oder seiner gesamten Karriere – außer einem großen Fragezeichen.
Ich erinnere mich, dass Riccò über Ivan Bassos unbeholfene Bergabfahrten lästerte, aber in vielerlei Hinsicht ging Riccò mit derselben halsbrecherischen Einstellung an seinen Beruf heran, mit der man seiner Meinung nach auch in die Abfahrten gehen sollte. Er griff nie nach den Bremsen, schaute nie, wo er hinfuhr. Lange ist er damit durchgekommen, aber jetzt wird er einsehen müssen, dass der schwerste und steilste aller Wege nach oben ganz unten im Tal beginnt. Und er hat keinen Zentimeter flache Strecke, um wieder zu Atem zu kommen.
Unbeliebt bei seinen Kollegen, hat Riccò ihnen zumindest ein Abschiedsgeschenk hinterlassen: Die Botschaft, das Doping tödlich sein kann. Wenn sie sie hören, könnte sie ein wichtigeres Vermächtnis sein als alles, was er im Sattel erreicht hat.
Der Autor
Wegen seiner Kleidungs- und Benimm-Etikette auch „der Prinz“ genannt, ist Gianni Savio einer der dienstältesten und unverkennbarsten Teammanager im Profi-Radsport. Der 61-Jährige aus Turin hat mehr als zwei Jahrzehnte lang praktisch mehrere Generationen des selben Teams gemanagt und sich einen Ruf für aggressive Renntaktik und die Entdeckung der besten südamerikanischen Talente erworben. Sein Team fährt gegenwärtig unter dem Namen Androni Giocattoli-Serramenti PVC Diquigiovanni.
Foto·Tim de Waele
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