
Haben Sie mal überlegt, wie es sich anfühlen muss, in Alberto Contadors Schuhen oder in seinem Kopf zu stecken? Was es für ein Gefühl sein muss, mit einem Damoklesschwert über dem Kopf Rennen zu fahren, in diesem Fall die Aussicht, dass der Internationale Sportgerichtshof den Doping-Freispruch für Contador kippt? Welche Wirkung muss dies vor allem auf seine Psyche haben, während er sich auf den Giro vorbereitet?
Die nahe liegende Antwort wäre, dass Contador im Moment ein Mann ist, der von lähmender Angst gequält wird. Seine Karriere, sein Talent und sein Vermächtnis sind in großer Gefahr, oder nicht? Das ist die nahe liegende Antwort, aber nicht die richtige. Contador ist ein Athlet, der die sauerstoffärmsten Höhen seines Sports weniger mit seinen Beinen als mit seinem Kopf erklommen hat. Oder zumindest sind sie gleich wichtig. Folglich ist die Angst zwar real und intensiv, wird aber so gut wie keine Auswirkung auf seine Leistung haben, wie er seit Beginn der Saison bewiesen hat.
Ich weiß, dass es ein altes Steckenpferd von mir ist, aber es ist wirklich eine Frage des psychisch-physischen Gleichgewichts. Mit anderen Worten, was im Kopf von jemandem vorgeht, verstärkt oder hemmt das, was im Körper passiert, und umgekehrt. Seit Menschengedenken war dies das Geheimnis des sportlichen Erfolgs, und die Verbindung wird mit jeder neuen Generation stärker. Während der Stress des Hochleistungssports und der Wunsch, jede Variable zu kontrollieren, mit jeder neuen Saison wächst, siebt die Darwinsche Logik die mental schwachen oder unausgeglichenen aus und erhöht die Individuen, deren größtes Talent darin besteht, diesen Druck auszuhalten.
Wir haben schon einmal darüber gesprochen, liebe Leser, aber lassen Sie es mich noch einmal wiederholen: genio und sregolatezza, diese irgendwie komplementären Ingredienzien von Genie und Chaos, die man bei vielen führenden Sportlern fand, sind keine unschlagbare Kombination mehr. Die argentinische Fußball-Legende Diego Maradona bekam sie in den 1980ern unter einen Hut und verschwand dann in der Versenkung. Wenn er seine Karriere heute beginnen würde, würde sein Stern noch schneller sinken. Ein anderer Fußballer, der Italiener Antonio Cassano, spielte und lebte anfangs auch in diesem Stil. Aber er musste bald einsehen, dass ein Genie, wenn es heute Erfolg haben will, auf einer soliden statt auf einer wackeligen Grundlage stehen muss.
Womit wir beim Thema José Rujano wären – auch ein Südamerikaner und ein Sportler, der in seiner Heimat vergöttert wurde, was ihm gar nicht gut bekam. Ich erinnere mich an mehr als ein Interview mit venezolanischen Journalisten nach Rujanos drittem Platz beim Giro 2005, in dem ich gefragt wurde, ob – oder wann – José den Giro, die Tour und die Vuelta gewinnen würde. Das alles stieg ihm zu Kopf, außerdem hat er sich verdammt schlecht beraten lassen. Jetzt sitzt José unbequem auf einem Schemel im „Very Last Chance Saloon“ des Radsports.
Rujano ist einer der drei Kapitäne meines Teams für den Giro neben Emanuele Sella und José Serpa. Zusammen könnten sie einen starken Dreizack bilden, aber dazu brauchen sie dieses wichtige psychisch-physische Gleichgewicht. Es wird mein Job und der meiner Sportlichen Leiter sein, sie zusammen zu halten. Rujano hat endlich ein gewisses Gleichgewicht und eine Frau und ein Kind in seinem Leben, und das macht sich nun positiv bemerkbar. Sella war einst ein sehr zerbrechlicher Charakter, hat aber eingesehen, dass er auf dem falschen Weg war, und ist erwachsen geworden. Serpa ist sehr talentiert, aber naiv, und der Giro wird ein Härtetest für seine Fähigkeit sein, mit Druck umzugehen. Wie gesagt, mit diesen dreien werden wir eine unberechenbare und möglicherweise sehr aufregende Einsatztruppe haben.
Es ist natürlich sehr unwahrscheinlich, dass wir den Sieger stellen werden. Und, wie sie einwenden können, dass irgendjemand Contador schlägt. Dennoch widerspreche ich der Einschätzung meines alten Fahrers und Freundes Gilberto Simoni, dass Vincenzo Nibali auf einem so schwierigen Kurs nicht gewinnen kann, weil er in den Bergen nicht wird angreifen können. Wer die Vuelta gewinnt, wie Nibali es getan hat, ist in meinen Augen mehr als fähig, in den Bergen mit den Besten mitzuhalten und sogar diesen Giro zu gewinnen.
Von den anderen Mitfavoriten habe ich natürlich ein Herz für Michele Scarponi. Michele wusste immer zu schätzen, was mein Team für ihn getan hat, und aus diesem Grund hoffe ich wirklich, dass er im Mai gut fährt. Wehe dem, der ihn unterschätzt, vor allem wenn es nass und kalt ist wie im letzten Jahr. Wie ein gewisser Charly Gaul kann Michele ein moderner „Engel der Berge“ werden und unter solchen Bedingungen können ihm Flügel wachsen.
Der Autor
Wegen seiner Kleidungs- und Benimm-Etikette auch „der Prinz“ genannt, ist Gianni Savio einer der dienstältesten und unverkennbarsten Teammanager im Profi-Radsport. Der 61-Jährige aus Turin hat mehr als zwei Jahrzehnte lang praktisch mehrere Generationen des selben Teams gemanagt und sich einen Ruf für aggressive Renntaktik und die Entdeckung der besten südamerikanischen Talente erworben. Sein Team fährt gegenwärtig unter dem Namen Androni Giocattoli-Serramenti PVC Diquigiovanni.
Foto Tim de Waele
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