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Etappensiege vs. Trikots

Mittwoch, den 29. September 2010 um 15:40 Uhr 0 Kommentare
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Kolumne_PC_10_UK_Cav

Als Sportlicher Leiter bei HTC-Columbia denke ich, dass es die größte Herausforderung des Teams ist, Rennen zu gewinnen. Es mag den Anschein haben, dass HTC-Columbia zum Beispiel bei der Tour de France auf Etappensiege statt auf Top-10-Platzierungen setzt, aber unsere Philosophie ist, ein siegreiches Team zu haben. Wir nutzen unsere Stärken, um dieses Ziel zu erreichen, wann immer wir können.

 

Im Moment ist unser Team auf Sprinter ausgerichtet und wir haben den schnellsten Sprinter der Welt, deswegen ist es sinnvoll, sich darauf zu konzentrieren. Mit Mark Cavendish haben wir einen charismatischen Typen in unseren Reihen, über den die Leute gerne schreiben. Selbst wenn Cav verliert, bekommt er mehr Aufmerksamkeit als der Fahrer, der die Etappe gewonnen hat, weil die internationalen Medien ebenso wie die Stammtisch-Professoren zu analysieren versuchen, was schief gegangen ist.

 

Ob wir Etappensiege bei der Tour wertvoller finden als das Grüne Trikot? Wir haben lieber einen Fahrer, der so oft wie möglich jubelnd über die Ziellinie rollt. Wie Cav immer sagt: Wenn es zum Grünen Trikot führt, so viele Etappen wie möglich zu gewinnen, ist das ein Bonus. Abgesehen davon ist es eine große Ehre, bei der Tour de France das „maillot vert“ zu tragen, und in diesem Jahr war es auf jeden Fall ein großes Ziel für uns und für Cav. Wir hatten bei der diesjährigen Tour nicht den besten Start, was die Sprints anging. Cav hätte auf der Etappe nach Arenberg mehr Schutz bekommen sollen: Sein Lenker löste sich 10 km vor dem ersten Kopfsteinpflaster-Abschnitt und wir haben nur zwei Fahrer gebeten, auf ihn zu warten. Im Nachhinein hätten wir das ganze Team auffordern sollen, auf ihn zu warten. Cav hat die Spitze des Feldes an dem Tag nicht wieder gesehen, und nach dem mechanischen Problem hatte er die Magie in seinen Beinen verloren.

 

Am nächsten Tag verpatzte er den Sprint und wurde Etappen-Zwölfter. Alle versuchten herauszufinden, was passiert war, aber wer weiß, warum er aufhörte zu sprinten? Glücklicherweise war er danach nicht mehr zu stoppen und gewann fünf Etappen der Tour. Der erste Etappensieg war der schönste, und ich glaube, die damit verbundenen Emotionen bescherten uns mehr Aufmerksamkeit, als der Sieg in der Sprintwertung uns gebracht hätte. Mit jedem Tag rückte das Grüne Trikot etwas mehr in Cavendishs Reichweite. Wir fanden es eigentlich gut, dass Thor Hushovd die meiste Zeit in Grün war, weil wir wussten, dass Lampre-Farnese uns helfen würde, ihm ein paar Punkte abzujagen.

 

Der Lampre-Sprinter Alessandro Petacchi, der schneller als Thor war, hatte ebenfalls Chancen auf das Grüne Trikot. Die Tage, an denen Petacchi das Grüne Trikot trug, waren nicht gut für uns, weil wir wussten, dass Lampre nicht so hart arbeiten würde. Cav hat immer gesagt: Wenn er das „maillot vert“ gewinnt, dann deswegen, weil er der Schnellste ist. Er will es gewinnen, indem er Etappen gewinnt, nicht indem er Punkte zusammenkratzt. Diese Philosophie hat ihn und uns vielleicht das Trikot gekostet, aber alles in allem finde ich, dass er eine außergewöhnliche Vorstellung abgeliefert hat. Er hat fünf Etappen abgeräumt, und der Sieg auf den Champs Elysées am letzten Tag ist eine der begehrtesten Trophäen im Radsport. Zu sehen, wie Cav und die Jungs das im zweiten Jahr in Folge gemacht haben, war ein unglaubliches Erlebnis, das ich auf keinen Fall gegen das Grüne Trikot eintauschen würde.

 

Die nächste Frage ist wohl, ob ich den Sieg bei einer Bergetappe für das Gepunktete Trikot hergeben würde – und die Antwort darauf ist auch „nein“. Einen Etappensieg würde ich nur dann gegen ein Trikot eintauschen, wenn es das „maillot jaune“ wäre. Die meisten Leute würden sagen, dass Bergetappen spannender sind, aber für das Team ist es das genaue Gegenteil: Eine Flachetappe zu gewinnen, erfordert von jedem Mitglied des Teams viel mehr Arbeit, vom ersten Kilometer an – und viel Konzentration. Eigentlich ist es schade, dass Cav den Sieg so leicht aussehen lässt, denn in Wirklichkeit ist es das nicht. Fragen Sie nur seine Teamkollegen, die sich bis zu den letzten paar hundert Metern der Etappe für ihn den Arsch abarbeiten. Aber unsere Jungs mögen die Sprint-Etappen, trotz der harten Arbeit, die sie leisten müssen, und ich muss sagen, sie werden immer besser darin. Aber es ist die Mühe wert, und es ist ein unglaubliches Gefühl für das ganze Team, wenn einer unserer Fahrer als Erster die Ziellinie überquert – genau darum geht es bei Tour de France und beim Radsport.

 

Wir haben uns dieses Jahr große Mühe gegeben, das Grüne Trikot zu gewinnen und wir haben es verpatzt, aber das heißt nur, dass wir uns nächstes Jahr noch mehr anstrengen. Wir werden bei Tour 2011 komplett in grün aufkreuzen: Rennrad, Helm, Socken, Schuhe und Jeans - und wenn wir es kriegen, sind wir die ersten, die sagen, dass es das Größte ist, was ein Sprinter gewinnen kann. Aber ob ich die Etappensiege gegen das Grüne Trikot tauschen würde? Ob ich „diesen“ Sieg auf den Champs Elysées und das wunderbare Gefühl, als Cav als Erster die Linie passierte, für irgendwas hergeben würde? Ich glaube nicht …

 

 

Der Autor

Brian Holm war von 1986 bis 1998 Rad-Profi und hat sieben Frankreich-Rundfahrten bestritten. Er ist Sportlicher Leiter bei HTC-Columbia

 

Foto Tim de Waele

Schlagwörter: Brian Holm, Etappensieg, Grünes Trikot, HTC-Columbia, Mark Cavendish, Sprinter, Tour de France
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