
Wie lang die Saison doch ist. Das erste Rennen, bei dem ich dieses Jahr war, war Paris-Nizza im März. Da hatte meine Arbeit schon angefangen: Ich sprach mit Teammanagern über ihre Pläne für nächste Jahr – welche Fahrertypen sie brauchen könnten, an wem von meinen Jungs sie interessiert sein könnten. Natürlich wurde mein Job leichter, als einer meiner Fahrer, Amaël Moinard, die letzte Etappe nach Nizza und das Bergtrikot gewann – eine gute Art, früh auf sich aufmerksam zu machen. Nun geht die Transfer-Saison zu Ende. Es war viel Arbeit und ich bin zu vielen Rennen in ganz Europa gereist, den Frühjahrs-Klassikern, allen drei großen Rundfahrten, nach Kalifornien und zu meinem Lieblingsrennen des Jahres, der Türkei-Rundfahrt.
Sie denken vielleicht, das hört sich glamourös an, aber ich habe oft alleine zu Abend gegessen, mehrmals in drittklassigen Hotels übernachtet, endlose Stunden am Flughafen gewartet und viele Kilometer in sehr mittelmäßigen Mietwagen zurückgelegt. Glauben Sie mir, dieser Job hat nichts Glamouröses an sich. Aber es ist wirklich wichtig, dass ich zu so vielen Rennen wie möglich komme. Telefonate und E-Mails sind in Ordnung, aber nichts geht über ein persönliches Gespräch mit Fahrern oder Teammanagern – so macht man am besten Geschäfte. Außerdem erfährst du bei den Rennen Dinge, von denen du sonst nichts mitbekommen würdest. Zum Beispiel hörst du, dass ein bestimmter Sponsor einen Fahrer einer bestimmten Nationalität haben möchte. Solche Kleinigkeiten helfen.
Meine Hauptaufgabe ist, Fahrer und Teams zusammenzubringen und die Verträge auszuhandeln. Aber dabei geht es nicht nur um die finanziellen Einzelheiten, sondern auch darum, was das Team sportlich zu bieten hat. Letztlich entscheiden immer die Fahrer, wohin sie gehen. Ich rate ihnen immer, bei ihrer Entscheidung nicht nur ans Geld zu denken, sondern alle Aspekte zu berücksichtigen. Ich helfe den Fahrern auch bei allen anderem, was sie brauchen, wie Verträge mit Schuhherstellern und Webseiten. Es hat mir viel Spaß gemacht, ein Video-Tagebuch von der Tour de France für die Website von Nicolas Roche zu machen. Es gab einige fragwürdige Szenen – vor allem die Massage mit „Careless Whisper“ aus der Beschallungsanlage, aber wir haben uns darüber köstlich amüsiert.
Die Transfer-Saison in diesem Jahr war sehr interessant. Einige wichtige Faktoren hatten einen großen Einfluss auf den Markt. Der erste war ein Mangel an Sponsoren. Zu Beginn des Jahres hatten bis zu fünf ProTour-Teams keinen Sponsor für 2011. Deswegen war mit einer Flut von freien Fahrern zu rechnen und die Teammanager wollten erst einmal sehen, wer auf den Markt kommen würde. Wenn viele Fahrer zu haben sind, fallen die Preise. Am Ende konnten die meisten dieser Teams neue Sponsoren gewinnen, und da außerdem neue Teams gegründet wurden, blieb die Flut aus. Der zweite Faktor war, wo Alberto Contador unterschreiben würde. Natürlich wollte ihn jeder Teammanager haben. Und so warteten sie ab, bevor sie Entscheidungen bezüglich anderer Fahrer trafen. Dann gab es kürzlich die Fusion von Cervélo und Garmin. Das hatte niemand kommen sehen und plötzlich standen rund 80 Leute ohne Job da. Ich schob Panik wegen des Iren Philip Deignan, der mit ihnen einen Vertrag fürs nächste Jahr hatte und dann feststellen musste, dass sein Job weg war.
Philip ist ein guter Freund von mir. Ich kenne ihn schon seit Jahren. Wir sind zusammen in der irischen Nationalmannschaft gefahren, und es ist hart, wenn einem Freund plötzlich die Arbeitslosigkeit droht. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich etwas für ihn finde, Sie sollten ihn nächstes Jahr also auf der Rechnung haben – Philip war selten so motiviert wie jetzt. Ein großes Thema im Moment sind Fahrer, die vorzeitig aus ihrem Vertrag raus wollen, um das Team zu wechseln. Im letzten Jahr war es Bradley Wiggins, und in diesem Jahr ist es Fabian Cancellara (und beileibe nicht nur er), der seinen Vertrag bricht. Ich glaube wirklich, dass Verträge in den meisten Situationen respektiert und erfüllt werden sollten. Aber manchmal funktioniert das einfach nicht. Es passieren Dinge, die Außenstehende nicht sehen oder wissen, und die es für einen Fahrer unmöglich machen, in seinem Team zu bleiben. In diesen Fällen muss man daran erinnern, dass es die Arbeit der Fahrer ist. Wenn sie in einer Bank, in einem Geschäft oder in irgendeinem anderen Job der Welt arbeiten würden, könnten sie gehen. Außerdem haben die Fahrer viele Opfer gebracht, um dahin zu kommen, wo sie sind, und eine Karriere ist kurz. Manchmal müssen sie also das tun, was für sie am besten ist. Ich arbeite für den Fahrer – er ist mein Kunde und ich muss tun, was er will. Ich berate ihn und sage ihm, was ich für das Beste halte, aber letztlich trifft er die Entscheidung. Damit mache ich mir bei den Teammanagern nicht nur Freunde, aber das ist mein Job.
Der Autor
Andrew McQuaid ist ehemaliger Radsportler und Gründer von Azzurri Sports Management. Er ist der Sohn des UCI-Präsidenten Pat McQuaid.
Foto Tim de Waele
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