
Mehr Steifigkeit, weniger Gewicht oder eine andere Übersetzung? Gründe für den Umstieg auf einen anderen Kurbelsatz gibt es viele, und die Auswahl ist größer denn je. Aber worauf muss man beim Kurbelkauf achten?
Es geht nichts über einen intensiven Praxistest, um herauszufinden, ob der Kurbelsatz steif ist und sich die Kettenblätter gut schalten lassen. Auf unseren Touren bei verschiedenen Wetterverhältnissen stellten wir fest, wie sich die Kurbel unter realen Bedingungen verhält. Wir haben Bikes genommen, die wir in- und auswendig kennen; außerdem fuhren wir Shimano-XTR-Pedale mit Stahlachsen und Shimano-M310-Schuhe mit Carbon-Sohlen – beides Produkte, die für ihre Steifigkeit bekannt sind und dafür gesorgt haben, dass das Gefühl für die Kurbeln nicht verfälscht wurde. Und wir sind stets mit dem gleichen Reifendruck gefahren.
Wir sind viel geklettert – sowohl auf der Straße als auch im Gelände –, um die Kettenblätter unter Last durchzuschalten und zu sehen, wie effektiv sich jeder Kurbelsatz im Vergleich zu den anderen anfühlt. Wo eine Neun- oder Zehnfach-Schaltung notwendig war, haben wir sie benutzt. Nur so aus Spaß haben wir auch mal eine falsche Kette aufgezogen, um zu sehen, was passiert – wenig bis nichts, wie wir feststellen konnten. Das mag eine unwissenschaftliche und mit viel Schmutz verbundene Testmethode sein, aber sie liefert sehr gute und praxisnahe Erkenntnisse, anhand derer ihr euch ein gutes Bild über die neuesten Kurbelsätze machen könnt. So braucht ihr nur so viel Geld auszugeben, wie für die Leistung, die ihr bringen wollt, notwendig ist. Wir haben uns bei der Arbeit ganz schön eingesaut, aber wir fanden’s trotzdem toll.
Um zu verstehen, was verschiedene Kurbelsätze unterscheidet, muss man schon etwas Ahnung von der Materie haben. Worauf es ankommt, erklären wir hier:
Kurbeln haben eine einfache Aufgabe – sie müssen die aufs Pedal gebrachte Kraft des Fahrers in die Vorwärtsbewegung übertragen. Eine unüberschaubare Fülle an Modellen wird für Mountainbiker angeboten, aber glücklicherweise ist WOMB zur Stelle, um euch zu helfen, nicht den Überblick zu verlieren. Um die Sache etwas zu vereinfachen, haben wir uns auf die populärsten Marken und verbreitetsten Typen konzentriert – vor allem auf Mehrfach-Kettenblätter. Für den unbedarften Laien hat sich die Welt der Kurbelsätze in den letzten 100 Jahren kaum verändert. Tatsächlich aber gehören Kurbeln zu den meistgetesteten, funktionellsten und am aufwendigsten konstruierten Komponenten am Fahrrad.
Da sie nur eine – klar definierte – Aufgabe haben, nämlich die Pedalkraft in Vortrieb zu verwandeln, ist ihr Job immer der Gleiche. Natürlich gibt es gute und schlechte Kurbeln – die besten sind leicht und steif, die schlechtesten schwer und elastisch.
Erfreulicherweise sind die 2011 angebotenen Produkte alle in einem akzeptablen Bereich, aber selbst auf diesem hohen Niveau gibt es Unterschiede in Sachen Leistung und Qualität. Heißt das, dass preiswerte Komponenten schlecht sein müssen? Nicht
nach unseren umfangreichen Praxistests. Selbst zum Einsteigerpreis bekommt man eine Funktionalität und Leistung, die es vor 20 Jahren einfach noch nicht gab. Was bedeutet, dass ihr mit euren neuen Kurbeln aus dem Modelljahr 2011 in den Genuss von mehr Antriebskraft kommt als je zuvor. Und das freut uns Mountainbiker natürlich.
DIE SACHE MIT DER STEIFIGKEIT
Im Unterschied zu anderen Komponenten – wie etwa Gabeln – brauchen Kurbeln keine „eingebaute Mindestflexibilität“ zu haben. Sie dienen der Kraftübertragung, sonst nichts. Für den Komfort sollen Rahmen, Sattelstütze, Lenker oder Federung sorgen.
Die Kurbeln müssen so steif wie möglich sein, ohne wenn und aber. Die Kraft des Fahrers geht in die Pedale, die ihrerseits den Kurbelarm über seine Länge verwinden können. Wenn diese Verwindung auftritt, entsteht das Gefühl, das Fahrer „Flex“ nennen. Es ist wichtig, Flex in der Pedalachse, wie er gerade bei leichten CrossCountry-Modellen auftreten kann, auszuschließen.
ZWEIFACH VS DREIFACH
Neben dem klassischen Dreifach-Kettenblatt werden immer mehr Kurbeln mit nur zwei Kränzen angeboten. Das spart Gewicht und bietet gewisse Vorteile bei der Schaltbarkeit, schränkt jedoch den Übersetzungsumfang ein. So ist etwa die Kombination 42/28 deutlich weniger bergtauglich als eine Dreifach-Kurbel mit 22er-Innenblatt; bei 39/26 wiederum fehlt’s nach oben hin im Vergleich mit einem 44er-Blatt. Bei Kurbeln für 3x9 hat sich die Abstufung 44/32/22 durchgesetzt, die das breiteste Spektrum bietet. Shimanos neue DynaSys-Kurbeln für Zehnfach-Ritzelpakete mit „CloseStep“-Abstufung dagegen sind etwas enger gestaffelt, nämlich 42/32/24. In Verbindung mit den daran angepassten Ritzelpaketen muss man weniger schalten, so die Idee dahinter.
NEUN- UND ZEHNFACH-KOMPATIBEL?
Wir haben angefragt, ob es möglich ist, die Zehnfach-DynaSys-Kurbeln (SLX, XT und XTR) mit älteren Neunfach-Systemen zu kombinieren. Die offizielle Antwort von Shimano lautet zwar „nein“, aber unser Reality-Check sagt etwas anderes. Natürlich sind die 2011er-Kurbeln für die schmaleren Zehnfach-Ketten optimiert, aber wir haben alle Kurbeln mit Neun- und Zehnfach-Systemen getestet, nur um sicher zu sein. Wir hatten null Probleme mit Neunfach-Ketten auf allen Zehnfach-Kurbeln, sei es von Shimano oder sonst einem Hersteller. Da sieht man’s mal.
INNENLAGER
Das eigentliche Innenlager besteht heute nur noch aus den in den Rahmen geschraubten Lagerschalen, in denen die Kugelläufe sitzen. Bei integrierten Systemen wie BB30 oder BB90 fallen auch die Schraubschalen weg – die Lager werden in den Rahmen gepresst, das Tretlagergehäuse kann breiter werden und der Rahmen dadurch steifer. Wichtig beim Innenlager sind gute Dichtungen, vor allem, wenn man viel bei Schlamm und Nässe fährt. Völlig out sind die alten Lager mit der Vierkantachse, auf die beide Kurbeln gesteckt wurden.
Bei der Montage der Kurbeln sollte man darauf achten, alles gut mit Montagepaste einzuschmieren, auch die Gewinde der Klemmschrauben, und der Verzahnung für den linken Kurbelsitz etwas Spezialfett oder Kupferpaste zu gönnen. Viele Kurbeln sind an den wichtigen Stellen bereits mit Montagefett behandelt. In jedem Fall sollte man die Herstellerangaben befolgen.
SCHALTEN
Kurbelsätze dienen nicht nur der Kraftübertragung, sondern sind auch eine Art Getriebe. Lange Jahre boten Shimano-Kurbelsätze die beste Schaltperformance, doch die anderen haben kräftig aufgeholt – so sind die Zweifach-Kurbeln von Sram und FSA in Sachen Schaltverhalten kaum zu übertreffen. Hier vergleichende Urteile zu fällen, ist jedoch schwierig, da viel vom Umwerfer und dem Zusammenspiel der einzelnen Komponenten abhängt. Überhaupt muss man bei den modernen Zehnfach-Antrieben vorne gar nicht mehr so oft schalten.

DER KURBELAUFBAU
KURBELARM
Der Kurbelarm stellt die Verbindung zwischen Pedal und Tretlagerwelle her. Bei aktuellen Modellen ist der rechte Kurbelarm (auf der Antriebs- beziehungsweise Kettenblattseite) fest mit der Achse verbunden. Die Länge der Kurbeln beträgt in der Regel
170 bis 175 Millimeter; auch kürzere oder längere Varianten sind erhältlich (160, 180 Millimeter).
KURBELSTERN UND KETTENBLATT
Der Kurbelstern (auch „Spider“), der die Kettenblätter trägt, ist entweder Teil der rechten Kurbel, oder er wird aufgesteckt und mit einem Verschlussring gehalten. Die Arme des Sterns und damit der Lochkreisdurchmesser variieren von Hersteller zu Hersteller, was beim Nachkauf von Kettenblättern beachtet werden muss. Carbon-Spider brauchen genauere Aufmerksamkeit bei der Beschaffenheit der Kettenblätter. Um Schäden vorzubeugen, sollte man darauf achten, dass diese keine scharfen Kanten aufweisen, die sich ins Carbon eingraben können.
PEDALGEWINDE
Das Loch am Ende des Kurbelarms, in das die Pedalachse eingeschraubt wird. Dies ist der häufigste Schwachpunkt – etwa, weil das Pedal nicht fest genug oder schief eingeschraubt wurde. Bei Carbon-Kurbeln kommt es gelegentlich vor, dass sich der Alu-Gewindeeinsatz aus dem Carbon-Arm löst. Doch dieses Problem tritt immer seltener auf, da Herstellungsmethoden, Material und Konstruktion immer besser werden.
SCHALTSTIFTE UND SCHALTHILFEN
Die Konstrukteure erleichtern uns das Schalten, indem sie kleine Stahlstifte oder -nieten und Schalthilfen in die Kettenblätter einbauen, um den Schaltvorgang zu beschleunigen. Sie verwenden auch verschiedene Zahnprofile. Die Positionen der Schalthilfen sind so berechnet, dass die Kettenblätter optimal zusammenarbeiten können – auch das ist ein Faktor, der beim Austausch einzelner Blätter beachtet werden sollte.
KETTENBLÄTTER
Die vorderen Zahnkränze bestehen meist aus Aluminium; bei günstigeren Kurbeln kann das kleinste, teilweise auch das mittlere Blatt aus Stahl bestehen. Traditionell haben Mountainbikes drei Kettenblätter; neuerdings eht der Trend zu Zweifach-Kettenblättern, die bei etwas verringertem Übersetzungsumfang mit geringerem Gewicht punkten.
MATERIAL
Kurbelarme können aus Aluminium oder Carbon oder einer Kombination aus beidem bestehen. Normalerweise sind höherwertige Kurbeln hohl, weil Rohre leichter und steifer sind als Stäbe. Aluminium-Arme sind extrem belastbar und brechen höchst selten (und wenn, dann meist am Pedalgewinde), eher verbiegen sie sich. Beschädigte Carbon-Kurbeln können ohne Vorwarnung brechen.

FAZIT
Der WOMB-Praxistest zeigt zwei Dinge: Einerseits können auch die leichtesten Kurbeln auf dem Trail mit sehr guter Steifigkeit überzeugen – der Leichtbau geht also nicht auf Kosten der Stabilität –, andererseits punkten auch die Einsteiger-Kurbeln im Test mit gutem Schaltverhalten und modernen Features wie der Zweifach-Übersetzung. Mit leichteren Alu-Kettenblättern und den Lagerschalen der hochwertigeren Gruppen lässt sich zudem auch ein einfacher Kurbelsatz pimpen. Wie wir eingangs gesagt haben, haben die Kurbeln eine recht einfache Aufgabe – und der sind alle unsere Testexemplare klar gewachsen.
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Weiterführende Links
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